Die ersten drei Monate des neuen Jahres haben an den Wertpapiermärkten eine neue Entwicklungsphase eingeleitet. Die Zeit allgemeiner großer Aufwärtsbewegungen scheint vorüber zu sein, an ihre Stelle sind Korrekturen einzelner Kurse getreten oder bestenfalls noch Gruppenbewegungen. Bei weiterem normalen Verlauf in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht dürfte in diesem Jahr das Geschäft an den Börsen durch steigende Dividenden und vor allem durch die in Aussicht stehenden Kapitalerhöhungen bestimmt werden. Daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen, zeigte die gegenüber früher viel stärkere Neigung zu Gewinnmitnahmen, die durch die Verkürzung der Spekulationssteuerfrist wesentlich gefördert wird. Insofern ist man auf dem Wege zu einer wünschenswerten Marktflüssigkeit einen Schritt vorangekommen. Sie wird mit Zunahme der Aktienemissionen noch mehr in Erscheinung treten und Überspitzungen früherer Art verhüten.

Wie schnell der Materialmangel die Kurse nach oben treiben kann, veranschaulichten in der letzten Woche die Bankenwerte, die abermals einen kräftigen Anstieg erlebten. Die Großbankennachfolger können insgesamt ansehnlich ausgeweitete Bilanzen vorlegen, die sicherlich mehr als eine Dividende von 9 v. H. gestattet hätten. Vermutlich waren es aber mehr psychologische als finanzielle Gründe, die von einer Mehrausschüttung absehen ließen. Immerhin wird man die Ertragsfähigkeit dieser Aktien im Kurs bewerten müssen. Aus diesem Grunde erscheinen auch die jetzt erreichten Kurse als durchaus verständlich. An die Spitze der Nachfolgeinstitute ist Jetzt die in Hamburg beheimatete Commerz- und Disconto-Bank gerückt, die gleichzeitig mit ihrer Bilanz für 1954 auch eine Kapitalerhöhung vorlegen wird. Sie folgt damit den beiden anderen Instituten der Commerzbankgruppe, bei denen eine Aufstockung bereits in früherer Zeit über die Bühne gegangen ist. Die Commerz- und Disconto-Bank will ihr AK von 12,5 auf 20 Mill. DM verbreitern und die neuen Aktien ihren Aktionären zu 100 v. H. zum Bezüge anbieten. Anhaltendes Interesse bestand ferner für Berliner Handels und für die Hamburger Vereinsbank. Beide Werte verzeichneten größere Kursgewinne.

Wie schon In früheren Wochen tendierten die Montanwerte auch jetzt wieder uneinheitlich. Durch die Bemühungen der Altgesellschaften, die Nachfolgeunternähmen zu leistungsfähigen Betrieben zusammenzuführen, waren die Kurse hier teilweise auf Höhen getrieben worden, die sich von der Ertrags- und Substanzseite nicht rechtfertigen ließen, überdies sind die Spekulationen des Herrn Krages an diesen Verzerrungen nicht schuldlos. Offensichtlich ist seit einiger Zeit eine Normalisierung im Gange, doch mehren sich jetzt die Stimmen, nach denen die echte Kurskonsolidierung einen Grad erreicht hat, der vorsichtige Käufe als geraten erscheinen läßt. Diese Beurteilung ist offensichtlich die Ursache für die Gewinne bei GHH-Nürnberg (plus 10 Punkte), Dt. Edelstahl (plus 4), Ruhrstahl (plus 4) und Buderus (plus 12) gewesen. Andererseits fielen Altenessener (minus 7), Bergwerke Königsborn (minus 4), Neue Hoffnung (minus 6) und Klöckner (minus 4) noch zurück.

Leicht rückläufig waren die Kurse der I G – Farben-Nachfolger. Die Kundschaft ist hier sehr zurückhaltend und will wahrscheinlich den Verlauf der Kapitalerhöhung bei den Farbwerken Hoechst abwarten. Die Probleme der Geldbeschaffung für die bevorstehenden Bezugsrechte dürften nicht überall leicht zu lösen sein und werden Tauschoperationen vorangehen lassen. Die Liquis erreichten mit 38 v. H. ihren tiefsten Stand durch Rückkäufe am Wochenschluß gelangten sie jedoch wieder auf 38 3/4 v. H.

Das Interesse an den Maschinenwerken blieb erhalten. Um 22 Punkte zogen MAN an. 10 Punkte gewannen Orenstein. Dagegen blieben die bisherigen Favoriten Daimler, Demag und Linde’s Eis im Hintergrund. Von den Werftwerten kamen AG Weser von 153 auf 162 v. H. Der Entscheid des Hamburger Senats, den Verkauf der Aktien der Howaldtswerke A G, Hamburg, an die Gruppe Dortmund-Hörder Hüttenunion – Siemens – Norddeutsche Bank zu empfehlen, konnte naturgemäß einen unmittelbaren Einfluß auf die Kursbewegung der Kaufgesellschaften nicht ausüben. Dennoch würde eine Beteiligung an einer derart leistungsfähigen Werft – trotz der zunächst hohen Investitionskosten – auf die Dauer sicherlich einen Gewinn bedeuten,

Die beiden Elektrogesellschaften AEG und Siemens erzielten zu Beginn voriger Woche mit Unterstützung umfangreicher Auslandsorders beträchtliche Kursgewinne, die zum größten Teil auch im Verlaufe der Gewinnmitnahmen erhalten blieben. Elektro-Versorgungswerte kamen ebenfalls weiter voran. -n d t.