Es hat in der letzten Zeit viele Selbstdarstellungen von mehr oder weniger bekannten Künstlern gegeben, Bücher, die vermutlich niemand lesen würde, wenn eben nicht der Autor anderweitig akkreditiert wäre, da sie vom Inhalt her kaum mehr zu bieten haben als ein bißchen Milieu, aus den wechselnden Perspektiven einer Karriere gesehen.

Aber das Umgekehrte kommt auch vor: daß nämlich ein so gut wie unbekannter Mensch ein Memoirenbuch schreibt, dessen Lektüre nicht nur literarischen Genuß, sondern auch einen bemerkenswerten Zuwachs an Weltkenntnis bedeutet. Ein solches Buch ist:

Margarita Woloschin: Die grüne Schlange. Lebenserinnerungen. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart, 380 S., 14,80 DM.

Der Titel weist auf das „Märchen“ von Goethe, dessen Symbolüberladenheit es zu einem bevorzugten Gegenstand anthroposophischer Auslegungsfreude hat werden lassen. Die Verfasserin ist eine russische Malerin, und das Ereignis ihres ganz gewiß nicht ereignisarmen Lebens war die Begegnung mit Rudolf Steiner. Was aber ihr Buch, vom prallen Inhalt abgesehen, so fesselnd macht, ist die geistige Regsamkeit, mit der diese in ihrer Art ungewöhnliche Frau die Geschehnisse und Gestalten ihres Lebenskreises gesehen und geschildert hat. Und es sind keine unerheblichen Gestalten, die ihren Weg gekreuzt haben. Vor allem die Elite des russischen Kulturlebens vor der und um die Jahrhundertwende: der Maler Repin (der Lehrer der Autorin), Leo Tolstoj, Iwanow, Solowjew, Berdjajew, Schaljapin, Stanislawsky, Diaghilew – Vertreter jener russischen Geistigkeit, deren Existenz und Bedeutung im bürgerlichen Deutschland allzu unzulänglich bekannt war und in deren Kreisen umgekehrt der gewisse provinzielle deutsche Akademikerstolz so gern verspottet wurde. Alle diese markanten Erscheinungen treten dem Leser auf eine frappierend unmittelbare Art nahe. Dann aber ist ein großer Teil des Buches der Persönlichkeit Rudolf Steiners gewidmet, zumal seinem Wirken in Dornach und der Entstehung des ersten Tempels der Anthroposophie, des „Johannisbaues“, an dessen Stelle heute das „Goetheanum“ steht. Das Porträt des merkwürdigen Mannes, das die Verfasserin hier darbietet, ist überaus lebensvoll und charakteristisch geraten und läßt den seltsam zwiespältigen Eindruck Wiederaufleben, den er selbst auf den kritischen Betrachter von damals machte, mit der unbegreiflichen Mischung von Sehergabe, Universalität, Genie, Güte und – Abgeschmacktheit.

Sehr erregend sind auch die Berichte über die Zustände in Rußland kurz nach der Revolution: wieviel prachtvolle menschliche Substanz da noch verschleudert, verwüstet und erstickt wurde. Margarita Woloschin ist damals aus der Schweiz in die Heimat gefahren mit einem der Züge, in denen Ludendorff Lenin und Genossen quer durch Deutschland nach Rußland brachte, um das Land endgültig in Zwietracht, Aufruhr und Elend zu stürzen. Wird man so (und noch durch andere Dinge in diesem Buche) daran erinnert, wieviel entscheidende Schuld der Westen überhaupt, speziell aber Deutschland am Siege des Bolschewismus hatte, so kann man nur sein Haupt in Demut neigen vor der unerbittlichen Logik, mit der das Schicksal uns heute die Quittung dafür unter die Nase hält! w–h