Für den amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt sind die Dokumente von Jalta am wenigsten schmeichelhaft. Stalin nahm seinen Vorteil wahr, moralisch hatte er keinen Ruf zu verlieren. Churchill zeigt sich zwar kaum als Staatsmann von weitem Blick und gewiß nicht als Freund der Menschenrechte, aber er war in der Verteidigung, er suchte immerhin, nicht ohne Mut und Mühe, gegen die Front der beiden anderen eine Linie durchzusetzen, die der Vernunft noch am wenigsten ins Gesicht schlug. Roosevelt aber hatte unbestritten die Führung, sie fiel ihm zu, weil er das Land vertrat, dessen technische Macht für die Entscheidung des Krieges von Ausschlag war. Er hat sie nicht genutzt, um eine neue, auf Gerechtigkeit gegründete Ordnung zu schaffen, er riß, nicht erst in Jalta, dem Bolschewismus die Dämme ein, so daß er Europa und Asien überfluten konnte, er verspielte den Frieden und legte, noch ehe der letzte Schuß des zweiten Weltkrieges gefallen war, die Grundlage für einen dritten. Da schlug er in Europa die Aufteilung Deutschlands in „fünf bis sieben“ Staaten vor, Rußland durfte sich bis nach Ostpreußen ausdehnen, Polen, für das der Westen in den Krieg zog, verlor das gleiche Land an die Sowjets wie durch Ribbentrops Pakt mit Molotow, deutsches Gebiet wurde ihm angestückelt, die Austreibungen sind ins Auge gefaßt, und in Asien legte der Präsident, indem er den Russen Südsachalin, die Kurilen, Dairen und Rechte in der Mandschurei zuerkannte, die Grundlage für den Sieg der chinesischen Kommunisten, die sich auf die mandschurische Wirtschaft stützen konnten.

All dies ist nicht neu. Es hat sich auf früheren Konferenzen in Casablanca, Quebec und Teheran vorbereitet, und durch die Memoiren von Byrnes, Stettinius, Churchill, durch Sherwoods Buch über Roosevelt und Hopkins und einige andere wurde es bekannt. So ist das Bedeutsame an der Veröffentlichung nicht so sehr der Inhalt der Beschlüsse, als die Art und Weise, wie sie zustande kamen. Erschütternd, vor allem bei Roosevelt, die unglaubliche Leichtfertigkeit, mit der er mit dem Wohl und Wehe der Völker umsprang, unvorbereitet oft, nach der Laune des Augenblicks – ohne Liebe, ohne Menschlichkeit, ohne das Gefühl einer höheren Verpflichtung. Was geplant wurde, erwies sich als unheilvoll genug. Aber am empörendsten ist die Art, die Frivolität mitten in einem Krieg, in dem die Völker verbluteten, mit der über die Zukunft des Erdballes entschieden wurde. – Er hoffe, so sagte Roosevelt, Stalin werde seinen Toast auf den Tod von 50 000 deutschen Offizieren, den er in Teheran ausbrachte, in Jalta wiederholen. Nicht, daß er Deutsche sagte, ist entscheidend, Japaner, Polen oder irgendein anderes Volk wären nicht besser gewesen. Aber Trinksprüche auf den Massenmord, im herzhaften, burschikosen Ton, das war man bis dahin von einem christlichen Staatsmann nicht gewohnt. Es bezeichnet die Atmosphäre. Selbst Charles E. Bohlen, heute amerikanischer Botschafter in Moskau, auf dessen Aufzeichnungen sich ein großer Teil der Protokolle stützt, bemerkte, Roosevelt sei in Jalta noch „blutrünstiger“ geworden. Und der Vorschlag, 50 000 Offiziere zu erschießen, war keine Entgleisung. Bereits in Teheran hatte Roosevelt bei einem derartigen Trinkspruch Stalins mitgehalten. Mit Churchill, der damals entrüstet den Saal verließ, kam es darüber beinahe zum Bruch. Fast hat man den Eindruck, es habe Roosevelt daran gelegen, dem Marschall zu imponieren, ihm zu zeigen, daß auch er ein „Kerl“ sei.

Man sage nicht, all dies sei nur unter dem Druck des Krieges geschehen, Roosevelt habe es damals nicht besser wissen können. Es gab genügend Leute in Amerika, die es besser wußten und die versuchten, sich Gehör zu verschaffen. Er hielt sie von sich fern, er warf sein ganzes Gewicht (und das war nach seinen Erfolgen im New Deal groß) gegen die öffentliche Meinung, die für einen Frieden der Vernunft und des Anstandes eintrat. Daß so viele fellow-travelers um ihn waren, ist kein Zufall. Seine Grundhaltung, ein irrationale blinder Deutschenhaß, der nur mit Hitlers Antisemitismus vergleichbar ist, und ein offenes Herz für „Uncle Joe“ bestimmten seine Politik, Jalta war nur der Höhepunkt. Was hilft es, daß Roosevelt, wie es heißt, kurz vor seinem Tode an Stalin zu zweifeln begann? Das Unglück war angerichtet, und noch 1947 erklärte sein Sohn Elliot, dem er vertraute, schuld an der Trübung zwischen West und Ost seien die Briten und jene Amerikaner, die nach dem Tode seines Vaters den Sowjets zu widerstehen begannen.

Den Irrtum in der Politik kann man entschuldigen, für den Zynismus, den diese Dokumente enthüllen, gibt es keine Ehrenrettung. Eine Ehrenrettung gibt es nur für das amerikanische Volk, in dessen mißbrauchtem Namen Roosevelt sprach. Wären diese Protokolle damals sogleich publiziert worden, die Öffentlichkeit Amerikas hätte sie, mit Ausnahme der kleinen, wenn auch mächtigen Haßclique, mit Empörung von sich gewiesen. Roosevelt hat sie wohlweislich nicht bekanntgemacht, und man darf es seiner Frau aufs Wort glauben, daß er, wäre er am Leben, auch heute seine Zustimmung nicht geben würde. Er hat versucht, so stellt Senator Knowland fest, sogar den Kongreß irrezuführen. Genug kam immerhin schon damals ans Tageslicht, um Roosevelts Ruf, als er zwei Monate später starb, zu trüben, und je mehr seine Politik offenbar wurde, um so mehr verdunkelte sich sein Andenken.

Es ist gut, daß die Dokumente von Jalta veröffentlicht wurden, um der Wahrheit willen und zur Verständigung der Völker. Hitler wurde, indem seine Taten ans Licht kamen, auch dem Letzten im deutschen Volke enthüllt. So ist es heilsam, daß sich von Roosevelts Gestalt und Tun der Schleier ebenfalls hebt. Das mindert nicht, was beiden Völkern an Schuld oder Verantwortung zu tragen bleibt, aber es ebnet den Weg des brüderlichen Verstehens. V. v. Zühlsdorff