Verantwortungslosigkeit auf "höchster Ebene" – Wie der Westen den Frieden verlor

Weite amerikanische Kreise fordern seit Jahren die formelle Aufkündigung der von Roosevelt in Jalta eingegangenen Verpflichtungen. Dieser Forderung trug Präsident Eisenhower insofern Rechnung, als er 1953 erklärte, er werde den Kongreß auffordern, alle "geheimen Abkommen der Vergangenheit, welche die Versklavung anderer Nationen" zum Gegenstand haben, aufzukündigen. Wir schreiben jetzt 1955, und der Kongreß wartet noch immer auf die versprochene Aufforderung, doch hat die amerikanische Regierung inzwischen auf andere Weise zum Ausdruck gebracht, daß sie sich an die "geheimen Abkommen" nicht mehr gebunden fühlt. Sie bekennt offen, daß es Ziel ihrer Politik ist, die versklavten Völker zu befreien und daß sie sich bei zukünftigen Friedensverhandlungen durch keinerlei Absprache aus der Kriegszeit gebunden fühlt. Als indirekte Bestätigung dieses Standpunkts und als eine Art Ersatz für die ausgebliebene Kongreßerklärung ist auch die Veröffentlichung der Jalta-Protokolle zu werten. Mit ihr werden die damaligen Abmachungen zwischen Roosevelt, Churchill und Stalin endgültig zum "Fetzen Papier". Diese Methode der Annullierung internationaler Abreden ist gewiß ungewöhnlich, aber eine andere, offizielle und formgerechte wäre ein Affront gegen Moskau gewesen, den Washington offenbar vermeiden wollte.

Die Unschuldslüge

Die Veröffentlichung der Jalta-Dokumente geht aber nicht nur die versklavten Völker an, sie bricht auch mit der Übung, nach Abschluß eines Krieges zwar die Archive des Besiegten zu öffnen, die des Siegers aber hermetisch verschlossen zu halten. Seitdem Kriege mit Kriegsverbrecherprozessen enden, versucht jede Partei zu beweisen, daß nicht sie am Krieg schuld war, sondern der Gegner. Das wichtigste, oft das einzigeBeweismittel sind die diplomatischen Akten. Diese werden – infolge der Kriminalisierung des Krieges – zu einer politischen Waffe ersten Ranges. Die Frage nach den Kriegsursachen ist für den Politiker so wichtig, daß er sich nicht mehr getraut, sie dem Historiker zu überlassen. Deutschland hat 1919 den Kelch dieser neuen Politik bis zur Neige auskosten müssen. In Artikel 231 des Versailler Vertrages bekennt es sich gegen alle geschichtliche Wahrheit als "Urheber" des ersten Weltkrieges.

Nach dem zweiten Weltkrieg geht es weniger um die Kriegsschuld. Daß Hitler gemeinsam mit Stalin den Krieg gegen Polen und damit den zweiten Weltkrieg entfesselt hat, wird auch von den Historikern nicht bestritten. Es geht vielmehr um die Frage der Schuld oder Unschuld an dem Zustand, in dem sich die Welt nach dem Kriege wiedergefunden hat. Man versteht, daß die "Friedensmacher" von Teheran, Jalta und Potsdam – soweit sie noch leben – von dem Gedanken einer Veröffentlichung der damaligen Protokolle nicht erbaut sind. Der englischen Regierung, an deren Spitze der einzige Überlebende der "Großen Drei von Jalta" steht, widerstrebt es aus verständlichen Gründen besonders, an diesen Dingen, zu rühren. Die Veröffentlichung der Jalta-Dokumente, so meint das Foreign Office, sei taktlos, weil Churchill noch lebe. Churchill selbst findet sie taktlos, weil Roosevelt und Stalin nicht mehr lebten und sich daher nicht wehren könnten.

Auch in anderen Ländern gibt es Menschen, die sich über die internationalen Auswirkungen der Veröffentlichungen Sorge machen, was aber Deutschland betrifft, so hat es allen Grund, den amerikanischen Schritt zu begrüßen. Deutschland ist längst seiner eigenen Staatsgeheimnisse entkleidet worden, und es kann ihm nur nützen, wenn endlich auch die ehemaligen Gegner ihre Archive öffnen.

Wenn wir vermeiden wollen, daß jeder Krieg mit einer Geschichtsfälschung endet, müssen wir dafür sorgen, daß mit der Zweigleisigkeit geschichtlicher und politischer Wahrheit, wie sie seit der Einführung des Schuldbegriffs in die internationale Politik Mode geworden ist, Schluß gemacht wird. Wir müssen den Mut wiederfinden, politische Geschehnisse der Vergangenheit, um mit Ranke zu sprechen, so zu sehen, "wie sie wirklich gewesen". Wie können wir uns in der Gegenwart zurechtfinden, wenn uns von der Vergangenheit immer nur das mitgeteilt wird, was irgendwelche Regierungen für gut und nützlich halten? Wie können wir wissen, ob Konferenzen "auf höchster Ebene" wirklich das beste Mittel zur Lösung weltpolitischer Probleme sind, wenn wir nie erfahren, wie es auf solchen Konferenzen tatsächlich zugeht, wie schwer oder wie leicht im vertraulichen Gespräch von Staatsmann zu Staatsmann die Gewalt über Menschen- und Völkerschicksale wiegt, wie sorglos oder sorgfältig Beschlüsse gefaßt werden, inwieweit die Staatsmänner auf ihre sachverständigen Ratgeber hören und wieweit sie ihren "Eingebungen" folgen? Stalin hat die Gefahr, die in solchen Gesprächen lauert, genau gekannt und sie nach Möglichkeit gesteigert. Um die "Ungezwungenheit" zu erhöhen, hat er bei vielen Gesprächen das Mitstenographieren verboten. Churchill hat jetzt nach der Preisgabe der Kulissengeheimnisse von Jalta die Befürchtung geäußert, es könne "den freien Meinungsaustausch an künftigen Konferenzen behindern", wenn die Veröffentlichung stenographischer Protokolle zur normalen Praxis würde. Hierzu kann man nur sagen, etwas weniger Freiheit im Meinungsaustausch hätte dem Ergebnis der Konferenz von Jalta mehr genützt als geschadet.