Am 1. April 1955 scheidet Leverkusen durch Landesgesetz aus dem Rhein-Wupperkreis aus. Damit wird die Stadt kreisfrei.

Diese Stadt ist ja eigentlich keine – noch keine. Vielmehr ein Torso. Ein kreisförmiges Gebilde, das sich fünf Kilometer lang am Rhein erstreckt und über 15 km sanft wellig ins Bergische Land hinaufklettert und das aus Wald, Grünflachen, Baugruben, Abraumhalden und besiedelten Teilen besteht. Daß sie in einigen Jahren eine Großstadt von 100 000 Menschen sein wird, weiß sie, will es aber nicht recht wahrhaben.

Vorläufig sind da noch sieben Stadtteile, die sich seit 1930 Leverkusen nennen und die keine erkennbare Verbindung miteinander haben. Jeder Teil hat seine eigene Hauptstraße. Die Stadt heißt nach jenem Apotheker Dr. Carl Leverkus, der 1862 seine Ultramarinfabrik von Wermelskirchen nach Wiesdorf verlegte. Dies ist heute der wichtigste Stadtteil. Wer bei ihm arbeitete, der sagte: „Ich gehe zum Leverkusen.“ Und später, nach 1891, als Carl Duisberg die Farbenfabrik Bayer-Elberfeld allmählich an den Rhein verlagerte und dabei das Werk des Dr. Leverkus aufgeschluckt wurde, sagten die Arbeiter, sie gingen „nach Leverkusen“. Das war damals eine so trostlose Angelegenheit, daß sie in Elberfeld dem Carl Duisberg ins Ohr sagten: „Und kann man jemand nicht verknusen, schickt man ihn nach Leverkusen.“ So eine Einöde erwartete sie dort. Damit er überhaupt Arbeiter dazu bewegen konnte, nach Wiesdorf zu übersiedeln, mußte Duisberg ihnen Wohnungen bauen und kulturelle Einrichtungen schaffen. Und heute leben in Leverkusen 77 000 Menschen. Im Jahre 1891 waren es 2500, bei Ausbruch des zweiten Weltkrieges 48 000. Jetzt arbeiten 16 000 Arbeiter und Angestellte bei Bayer. (Und jeden Nachmittag warten 600 Meter lange Omnibus-Schlangen, um die 11 000 „Pendler“ in ihre Heimatorte zu befördern.) Bei 30 000 Arbeitern wird das Werk den „kritischen Punkt“ erreicht haben, denn eine Ausweitung des auf zwei Kilometer am Rhein ausgebreiteten Werkes wird nicht möglich sein. Dann wird sich das Schwergewicht allmählich auf Dormagen verlagern. Mit dieser Möglichkeit muß Leverkusen schon heute rechnen. Vielleicht ist das auch einer der Gründe, warum es sich angestrengt bemüht, dem Schatten des Werkes zu entrinnen und eigene Bedeutung zu erlangen.

Die jetzt errungene Kreisfreiheit trägt dazu finanziell und verwaltungsmäßig bei. Gefordert haben sie die Leverkusener schon seit Jahren, akut wurde die Frage durch das rasche Anwachsen der Bevölkerung. Heute steht Leverkusen, der Größe nach, unter den Städten in der Bundesrepublik an 67. Stelle, 136 andere Städte sind aber schon kreisfrei. Das empfanden die Leverkusener als ungerecht, vor allem, weil sie zu 60 v. H. den Kreis finanzieren mußten, obgleich sie nur ein Drittel seiner Bevölkerung ausmachten. Die 2,2 Millionen DM, die sie dem Kreis jährlich opferten, brauchten sie notwendig dazu, um ihren Nachholbedarf an Wohnungen, Straßenbauten und Kanalisationsarbeiten zu finanzieren, meinten sie. Sie beriefen sich auf den vom Freiherrn vom Stein proklamierten Geist echter Selbstverwaltung – sein Porrät und das von Carl Duisberg hängen im Sitzungssaal des Rathauses –, und sie beriefen sich besonders darauf, daß der Restkreis noch mit seiner Finanzkraft um 20v.H. über dem Durchschnitt der übrigen Landeskreise des Regierungsbezirks Düsseldorf läge. Ähnlich wie im Falle Wolfsburg – seltsamer- aber zufälligerweise ist der jetzige Stadtdirektor Leverkusens, Dr. Grimm, der Mann, der im Jahre 1951 Wolfsburg, die Volkswagenstadt, „ausgekreist“ hat – wehrte sich der Kreis sehr energisch dagegen. Umsonst. Am 1. März 1955 beschloß der Landtag von Nordrhein-Westfalen, bei drei Enthaltungen, der Auskreisung zuzustimmen, nachdem sich Leverkusen bereit erklärt hatte, dem Restkreis in zehn Jahren sechs Milonen DM Schmerzensgeld zu zahlen. Und als am gleichen Tage um elf Uhr vom Rathaus Fahnen flatterten, wußten die Leverkusener, daß ihre kreisfreiheit geschlagen hat. Und die Kinder wußten es auch, denn sie bekamen schulfrei.

Was werden die Leverkusener mit ihren nun vermehrten Mitteln anfangen? Das intensiv forthren, was 1952 auf Grund eines Leitplanes des damaligen Baudezernenten Paul Seitz (jetzt in Hamburg tätig) begonnen wurde. Man will, also, in der drohenden Vermassung entgegenzutreten, die einzelnen Stadtteile nicht zu einer kompakten Masse ballen, sondern ihnen vielmehr ihr Eigenleben lassen, wozu man schon wegen der drei Leverkusen durchschneidenden Bahnlinien genötigt ist. Weil schon die Bayer-Werke ihre ersten Siedlungen den englischen Gartenstädten anglichen – sie wollten so ein Gegengewicht gegen das industrielle Zentrum mit seinem Maschinenlärm und den Abgasen der Schornsteine schaffen, kann man auf dieser Grundlage weiterplanen. Grünplanung und Landschaftsgestaltung sind maßgebend einbezogen worden. Nachbarschaftssiedlungen, in offener Bauweise verkehrsmäßig ausreichend miteinander verbunden, das ist das Endziel.

Im Rahmen dieser Vorhaben, die in einem Zehnjahresplan zusammengefaßt worden sind und mit 110 Millionen DM veranschlagt werden, ersteht ein ganz neuer Stadtteil, Alkenrath, der eine Einwohnerzahl von 5000 Menschen (in 1800 Wohnungen) haben soll. Nach den vorliegenden Plänen zu urteilen, scheinen die Städteplaner da ausnahmsweise eine einmalige Gelegenheit, im großen Rahmen nicht nur zweckmäßig, sondern auch ästhetisch befriedigend bauen zu können, ausreichend auszunutzen. Das Bautempo der Stadt ist stürmisch. Fährt man kreuz und quer umher, hört man immerzu: „Eben erst fertig geworden“, oder „das steht spätestens im Mai“ und kommt man an irgendeinem Schuttabladeplatz vorbei, erfährt man, hier werde bis Weihnachten eine neue Siedlung stehen, die den Vorteil habe, gleich neben dem Hallenbad zu stehen, das bis dahin ebenfalls fertig sein werde.

Sie haben zwischen 1948 und heute ein Drittel des Wohnraumes der Stadt zugebaut. Trotzdem fehlen immer noch 4000 bis 4500 Wohnungen. Großen Anteil an dem Aufbau hat das Bauprogramm des Bayer-Werkes. Aber es scheint, als baue die Stadtverwaltung wagemutiger, funktioneller und schöner. Was das Werk baut, sieht ein bißchen brav, bieder und etwas langweilig aus, man kommt nicht weg vom „Knusperhäuschen-Dach“, auch die Bodenaufteilung erscheint allzu uniform und nicht abwechslungsreich. Um zu wissen, was gemeint ist, muß man sich mal die von Seitz gebauten Wohnblocks ansehen. Daß die Bevölkerung überhaupt etwas gegen Wohnblocks hat und besonders gegen solche mit flachen Dächern – sie zieht die raumfassenden Eigenheimhäuschen vor –, steht auf einem anderen Blatt. Seitz hat auch eine inzwischen weithin bekanntgewordene Waldschule (für 400 Kinder) im Pavillonstil mit beiderseitiger Belichtung geschaffen. Wenn man sie sieht, möchte man am liebsten noch mal in die Schule gehen. Die Kinder sitzen zu viert an kleinen Tischen. „Die vom Bauamt sind verrückt geworden“, brummein die Leverkusener noch heute halb gutmütig, halb entsetzt, wenn sie davon sprechen. Aber den Kindern macht diese Schule offenkundig Spaß, den Lehrern, trotz erhöhter Aufsichtspflicht, auch. Daß der Direktor dieser Schule ganze 34 Jahre zählt, paßt dazu. Weil die Schule so schön wurde, haben sie gleich noch so eine gebaut, leider an der Hauptverkehrsstraße, und da macht den Kindern das Hinausschauen noch mehr Freude als das Lernen. Trotz dieser Neubauten fehlen aber immer noch 120 Schulräume.