Daß ein großer Essay in Deutschland gleich vergriffen ist, ist selten. Und doch mußte das Buch von

Horst Geyer: „Über die Dummheit“, ein Essay, Musterschmidt Verlag, Göttingen, 400 S., 16,80 DM. schon kurze Zeit nach dem Erscheinen neu aufgelegt werden. Woher kommt dieser Erfolg? Hat der Psychiater Geyer die weitverbreitete menschliche „Tugend“ Dummheit endlich gestellt?

Geyer hat sich mit der Dummheit, vornehmlich als Schwachsinnsform, schon seit Beginn seiner Laufbahn als Psychiater intensiv beschäftigt. Dagegen scheint dem Schriftsteller Geyer erst ein Ausspruch. Ortega y Gassets, daß seines Wissens bisher noch keine umfassende Studie über die Dummheit geschrieben worden ist, den Anstoß gegeben zu haben, ihr auch außerhalb des medizinischen Bereiches auf dem Leib zu rücken. So offenbaren die daraufhin entstandenen 400 Seiten eine Fülle mannigfachen Wissens und bemerkenswerterweise das Vermögen eines Wissenschaftlers, nicht in wissenschaftlich-abstrakter Diktion, sondern in populär-wissenschaftlicher Sprache zu schildern, wenn auch hier und da einige fast plump-vertraulich wirkende Redewendungen sich eingeschlichen haben („Gewiß, Freunde...“, oder die schulmeisterhaft-überhebliche Aufforderung „Überlegt es euch!“ oder unvermittelt am Schluß eines Kapitels „Ahoi“), die allzu gewollt humorig-leger erscheinen. Etwas peinlich berührt in diesem Zusammenhang auch ein Aphorismus, folgendermaßen fomuliert: „Warum assoziieren wir so gern Dummheit und Getreidehalme? Warum sprechen wir geradezu von Leuten, die Stroh im Kopfe haben? Ich glaube, das gemeinsame Dritte ist die Strohtrockenheit, das Stroherne, welches die Dummheit insofern charakterisiert, als sie des Humors (auf deutsch: der ‚Feuchte‘) ermangelt. Wer das nicht glaubt, ist, fürchte ich, so dumm wie Bohnenstroh.“ Gehen solche sprachlichen Undiszipliniertheiten und Albereien, die man bestenfalls als mittleren Studentenulk bezeichnen kann, schon zu Lasten des Diktafons, in das Geyer seine Ausführungen hineinsprach? Wußte er nicht, daß man ein Buch nicht sprechen sondern schreiben muß? Solche Entgleisungen allerdings, wie sie auf Seite 317 zu finden sind, werden durch das leichtfertige Diktieren kaum entschuldigt: „Die Vernichtung menschlichen Lebens auch Defekter ist Mord, der wissenschaftlich nicht zu rechtfertigen ist. Gerade die Forschung bedarf, um prophylaktisch oder therapeutisch späterhin helfen zu können, aller Schwachsinnsformen als Untersuchungsgut. Man kann vorher nicht wissen, welcher einzelne Mensch sich als prinzipiell forschungswichtig herausstellen wird.“ Diese Formulierung besagt in für Geyer ungewöhnlicher Prägnanz, daß die Vernichtung menschlichen Lebens lediglich aus dem Grunde nicht zu rechtfertigen ist, weil die Forschung seiner als Untersuchungsgut bedarf – Kommentar überflüssig.

Abgesehen von dem geschluderten Stil und den Takt- und Niveaulosigkeiten – was wird denn nun über die „Dummheit“ eigentlich gesagt? Es ist zumindest Geyers Verdienst, möglichst alles bisher über die Dummheit Ausgesagte zusammenzutragen und einiges auf seine Weise gedeutet zu haben. Die dabei oftmals recht aggressive Intelligenz des Autors läßt nichts unverschont, weder Politik, Juristerei und Medizin, noch Philosophie und Theologie. Es ließe sich auch noch einiges zu des Verfassers Deutungen sagen, doch das würde den Rahmen dieser Ausführungen bei weitem sprengen. Es sei als Beispiel lediglich noch eine simple Sentenz herausgegriffen, die man in einem Buch gern vermissen würde, da man sie tagtäglich auf der Straße und in den Büros hören kann. „Für wen schinden wir uns ab ...? Für die Erben? Für das Finanzamt? Wofür wird gestapelt und gehortet, wo doch keiner etwas mitnehmen kann ins Grab? Wozu der Kampf und der Eifer? Wozu? Was ist das Ganze? Der Weise weiß es: Das Narrentreiben der Menschheit.“ Natürlich ist es der einfachste Ausweg, wenn das Denken unbequem wird, sich hinter Gemeinplätze zurückzuziehen. Ohne Zweifel aber sind es gerade diese Gemeinplätze, die dem Buch einen gewissen Erfolg gesichert haben. Es ist so bestätigend, das, was die Verwandten, Freunde, Nachbarn und man selbst über das Leben denkt, schwarz auf weiß wiederzufinden. Doch pardon, vielleicht wollte Geyer gar keine Gemeinplätze von sich geben, vielleicht handelte er ja nach einer seiner eigenen sogenannten „Aphorismen zur Lebenstorheit“: „Intelligent sein ist heute gefährlich – es empfiehlt sich, etwaige Klugheit zu tarnen .. “

Das letzteres hinsichtlich dieses Essays gelungen ist, bestätigt der Rezensent dem Autor hiermit ausdrücklich. Günter Block