Wien, im März

Meine Mandantin wird von achttausend Menschen aus allen Gesellschaftskreisen als die fleischgewordene göttliche Liebe wie eine Heilige verehrt“, so donnerte temperamentvoll Rechtsanwalt Dr. Bauer im Verhandlungssaal des Bezirksgerichts von Schwaz in Tirol. Aber es nutzte ihm und seiner Mandantin nichts. In dem Ehrenbeleidigungsprozeß, den Frau Maria Bernhardt, „fleischgewordene Liebe“ und Witwe des Gründers der Tiroler „Gralssekte“ gegen Kooperator Jessacher, genannt „Don Camillo von Tirol“, geführt hat, wurde Jessacher in diesen Tagen freigesprochen, Der Kooperator hatte im Namen der kirchlichen Behörden einen Kreuzzug gegen den „Gral“ unternommen, den er für das Schwindel- und Erwerbsunternehmen eines Betrügers erklärte. Zeugenaussagen bewiesen seine Behauptung, daß das Unternehmen auf dem „Gralsberg“ von Vomp auf Bauernfängerei und Ausnutzung Gutgläubiger angelegt war.

Im Jahre 1928 zog ein Mann, der sich Oskar Ernst Bernhardt und Schriftsteller nannte, mit seiner Familie auf den Vomperberg, „um dort abgeschlossen von den Menschen sein Werk zu vollenden“. Er bezeichnete sich als „Verkünder des Lichtes“. Als Heilsbringer, der sich Abd-ru-shin nannte, erlebte er eben seine dritte Wiedergeburt. Bald entstand auf seinem Berg, der „Gral“ genannt, eine Siedlung von Gläubigen, die in Abd-rushin ihr geistliches Oberhaupt sahen und ergriffen seiner Lehre lauschten: „der Schrei nach Licht, der Kraft bringt, den Schlamm zu spalten, er wird abgeleitet und verhallt an einem undurchdringlichen Gewölbe. Deshalb zurück von aller Wissenschaftlerei, laßt ab, weil die Wissenschaft Stückwerk ist.“

Am Vomperberg entstand ein Andacntshaus, ein Schulhaus, Siedlungshäuser für Gemeindemitglieder, eine Landwirtschaft mit allerhand Nebenbetrieben und ein als Hotel geführtes Gästehaus. Und das alles war Eigentum des „Gottgesandten“, denn seine Anhänger hatten Geld.

Als Hitler nach der Besetzung Österreichs die „Gralssiedlung“ aufhob und Abd-ru-shin 1941 starb, schien es mit dem Spuk am Vomperberg zu Ende zu sein. Doch Frau Maria Bernhardt, des Wiedergeborenen eheliches Weib und von ihm zur „fleischgewordenen göttlichen Liebe“ ernannt, führte gemeinsam mit ihrer Tochter Irmingard, von Beruf „Reine Lilie“ des Grals, und mit dem Verstorbenen im „göttlichen Trigon“ verbunden, das gutgehende Unternehmen weiter. Herr Bernhardt wurde in einer Pyramide beigesetzt, und das Gralsgeschäft blühte schöner denn je. Es kamen Gläubige aus allen Ländern. Fast alle hatten Vermögen. In Holland und in Brasilien entstanden Zweigunternehmungen. In Schwäbisch-Gmünd ist der Verlagsort der „Gralswelt“, und in Riehen bei Basel gibt es einen Verein zur Verbreitung des einschlägigen Schrifttums.

Die Gralslehre wiederzugeben, ist fast unmöglich. Sie ist eine Mischung von christlichem Sektierertum verbrämt mit mystischem Unsinn und entzieht sich jeder Vernunft, so daß sie nur an ihren Wirkungen erkannt werden kann. Zum Beispiel an diesen: eine Anhängerin des Grals begehrte in Wien Scheidung vor ihrem Mann, da sie ihn schon vor zweitausend Jahren erschlagen habe und ihre Schuld büßen müsse. Ein anderer Gralsritter, Lehrer im Elsaß, entdeckte, daß er vor drei Jahrtausenden als Agamemnon von seiner jetzigen Frau, die damals Klytemnästra hieß, ermordet worden war. Ein Zusammenleben mit ihr könne man ihm nicht zumuten, weshalb auch er die Scheidung begehrte.

Ob der Unfug vom Vomperberg, der den kirchlichen Behörden ein Ärgernis ist, nach der Demaskierung vor Gericht nun tatsächlich sein Ende finden wird, ist noch keineswegs heraus. Dieser Prozeß klingt wie eine Groteske. Daß dieser Unfug offensichtlich und ernstlich nach Wahrheit suchende Menschen in seinen Bann schlug, reizt weniger zum Lachen als zu betroffenem Nachdenken. Roland Nitsche