Für manche Bundesrepublikaner scheint eine Reise nach Berlin immer noch so etwas wie ein Abenteuer zu sein, das man lieber Beherzteren überläßt oder Kongreßteilnehmern und Geschäftsleuten, die ihr Berufsethos auch nach Schanghai oder auf eine von Haifischen bewachte Insel fahren ließe, wenn es sein müßte.

Berlin ist wirklich eine Insel, und eine Reise in diese Stadt ist wirklich ein Abenteuer. Es ist ein Abenteuer des Herzens für alle, die diese Stadt lieben und hinter den Trümmern des zerstörten und den Fassaden des wiederaufgebauten ihr altes Berlin wiederfinden. Und es ist ein Abenteuer, weil man in der unpathetischen Dramatik dieser Stadt den Pulsschlag unserer unruhigen Zeit spürt, wie an keinem Platz Westeuropas.

Die alte Hauptstadt wirbt heute um Besucher. Wir sollten diesen Ruf anders hören, als den aller anderen Fremdenverkehrswerbungen, was immer sie auch zu bieten haben. Denn in Berlin haben wir viel mehr zu suchen, als das „pulsierende Leben einer Weltstadt“ und vielleicht das erregende oder bedrückende Gefühl, daß ein paar Straßen weiter der russische Sektor, eine andere Welt beginnt. Berlin ist vielleicht gar keine Weltstadt mehr, und das Leben pulsiert dort wenig, gemessen an den großen Städten Westdeutschlands. Berlin ist heute eine große Bühne, vor der der Eiserne Vorhang heruntergelassen wurde und die mittendurch von Stacheldraht und Schlagbäumen zerschnitten wurde. Die Schauspieler sind noch da. Sie haben auch ihre Rolle nicht vergessen, aber sie dürfen kein großes Stück mehr spielen. Auf ihrem Repertoire steht nicht mehr „Weltstadt“, sondern „Insel“.

Sehr vieles wurde in Berlin verwüstet. Sein Mut, sein Geist und sein Humor blieben unverwüstlich. So bauten die Berliner das wieder auf, was sie heute ihren Gästen zeigen möchten. Und mit ihrem Humor und dem Argument, daß Berlin trotz allem kein Dorf geworden ist, werben sie um Besuch.

Sie warben nicht umsonst. Im vergangenen Jahr fanden 176 Kongresse bei ihnen statt. Die 800 000 Übernachtungen, von denen 171 000 auf ausländische Gäste entfielen, wurden 1954 nur von Hamburg und München übertroffen. Die Zahl der Ausstellungen, Festspiele, Theater- und Filmpremieren (es gibt allein zwölf Uraufführungskinos) nimmt mit jedem Jahre zu.

Berlin baut mit allen Kräften auf. Da es durch seine Lage an dem Wirtschaftswunder kaum teilnehmen darf, hat es freilich nicht die Kräfte einer westdeutschen Großstadt. So geht es langsam, und so wird hoffentlich die einzige positive Chance, die die Zerstörung gibt: ein zeitgemäßer und geplanter Wiederaufbau, hier besser genutzt werden, als an manchen anderen Orten. Vermutlich wird hier auch konstruktiver gemeckert als anderswo. Gemeckert wird übrigens in Berlin wie eh und je. In der ganz speziellen Berliner Art, in der immer Humor und oft eine verkappte Form von Zärtlichkeit liegt. Zum Beispiel, wenn sie den kühnen Neubau der Musikhochschule in der Hardenbergstraße mit seiner klaren Glasfassade die „Musikgarage“ oder den „Geigerbahnhof“ nennen. Sie sprechen auch immer noch von ihren vielen Warenhäusern, den Häusern nämlich, die einmal waren und im Jahr 1955 noch immer nicht wieder da sind. Aber sie glauben, daß ihre Stadt bis zu der internationalen Architektur-Ausstellung im Jahre 1956, während derer die größten Architekten der westlichen Welt einen Musterstadtteil bauen wollen, schon ganz anders aussehen wird.

Es entspricht dem nüchtern optimistischen Sinn der Berliner, daß sie lieber von dem sprechen, was sie haben, als von dem Verlorenen oder ungewiß Zukünftigen. So sind sie berechtigt stolz darauf, daß Berlin trotz allem eine Kulturmetropole geblieben ist. Seine acht Theater (die einstige Viermillionenstadt hatte 50 Theater, ihr Publikum aber war ganz Deutschland von der Maas bis an die Memel) leben nicht von sondern in der alten Tradition, die Berlin zu der Theaterstadt machte. Sein Philharmonisches Orchester gehört heute wieder der Welt. Seine Oper wird vielleicht gerade im Wettstreit um die besten Kräfte mit der alten, neuen Staatsoper unter den östlichen Linden ihren alten Ruhm bewahren.