Von Christian E. Lewalter

Von hundert Jungen und Mädchen im Alter zwischen fünfzehn und vierundzwanzig Jahren haben heute nur zwei, allenfalls drei ein persönliches Interesse an Jugendgruppen, Bünden und ähnlichen autonomen Zusammenschlüssen der „Jugend“. In diesem statistischen Ergebnis stimmen zwei vor kurzem veröffentlichte Untersuchungen überein: der Band „Jugendliche heute“, den die Abteilung Hörerforschung des NWDR vorlegt, und die (zweite) Repräsentativbefragung „Jugend zwischen 15 und 24“, die das Bielefelder EMNID-Institut für Meinungsforschung im Auftrag des Jugendwerkes der Deutschen Shell (Shell-Haus Hamburg) herausgibt.

Die Impulse der „Jugendbewegung“ sind nicht mehr wirksam, stellt der Meinungsforscher fest. Treffen seine Ermittlungen zu oder steckt in seiner Statistik ein Irrtum verborgen? Wer allen „Erhebungen“, und seien sie noch so präzis in der Methodik, mit gesunder Skepsis gegenübersteht, wird auch die Gegenseite befragen, nämlich die Kenner und überzeugten Anhänger der Tradition der Jugendbewegung. Zu ihnen gehört Professor Karl Seidelmann, der zwischen 1919 und 1933 in der führenden Schicht der „bündischen Jugend“ wirkte und eben jetzt in einem genauen und ausführlichen Buch („Bund und Gruppe als Lebensform deutscher Jugend 1955 im Wiking Verlag, München, 382 S.) den „Versuch einer Erscheinungskunde des deutschen Jugendlebens in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts“ zur Diskussion stellt. Seidelmann ist gegen den Verdacht der Statistikhörigkeit gesichert. Er nimmt sich vor, „dem potentiellen Gehalt dessen, was die Jugend von heute innerlich lebt, größeres Gewicht beizumessen als Zahlen, Statistiken und Berichten“. Aber auch er kommt zu der Feststellung: „Heute ist weit und breit noch nichts sichtbar, was der Jugend zu einer eigenen Gestaltwerdung, zu einer deutlichen Ausformung ihres eigenen individuellen Generationswesens und damit auch zur Anmeldung eines eigenen Generationswillens und seiner Inhalte verhelfen könnte. Vorerst bleibt es eine offene Frage, ob es noch je dazu kommen wird oder ob sich die heutige Jugend mit dem Schicksal abfinden muß, als ungeordneter ‚verlorener Haufen’ statt als Willensträger künftigen Schicksals in die Geschichte einzugehen.“

Als 1913 die „Freie deutsche Jugend“ auf dem Hohen Meißner das Gelübde ablegte, fortan „ein Leben aus eigener Verantwortung“ führen zu wollen, da gab es noch keine Meinungsforschung. Wir können nicht wissen, welcher Prozentsatz der damals 15- bis 24jährigen etwaigen Befragern mitgeteilt haben würde, er „interessiere“ sich für die Jugendbewegung oder nehme sogar auch aktiv daran teil. Gewiß sind es nicht hundert Prozent gewesen. Wahrscheinlich war es nur eine kleine Minderheit. Seidelmann selbst betont ja auch die „esoterische Haltung“ des Wandervogels oder der „Freideutschen Jugend“ und sagt: „Mißt man die sozialen, erzieherischen und kulturellen Wirkungen, die von den Kerngruppen der Jugendbewegung ausgegangen sind, an der winzigen Zahl der daran beteiligten Menschen, so erfährt man wieder einmal, wie wenig es im Walten geistiger Kräfte auf Quantitäten ankommt.“ Aber eben diese „winzige Zahl“ hat im ersten Viertel unseres Jahrhunderts in Deutschland unleugbar „Geschichte gemacht“, während heute, ebenso unleugbar, keine revolutionierenden Impulse von irgendwelchen Kerngruppen Jugendlicher ausgehen. Was bedeuten diese Facts?

Die Jugendbewegung war ein Protest. An der Oberfläche richtete er sich gegen typisch bürgerliche Unsitten und gegen Verspießerungstendenzen. Im Grunde war es ein Protest gegen Bevormundung, gegen die Mißachtung der Eigengesetzlichkeit der Welt des Jugendlichen durch das herkömmliche Erziehungssystem, das ja vornehmlich auf Einüben, Sicheinfügen, Hinnehmen von Autorität abgestellt war und die Aktivität des jungen Menschen allzusehr auf die Ventile der „Jungensstreiche“, der Lust am Verbotenen und des heimlichen „Austobens“ verwies. Die Kerngruppen der Jugendbewegung sprengten das Ghetto der „Schülerkneipen“ und aller jener Erscheinungen, die der Haftpsychose so ähnlich sahen. Sie hoben den Überwachungskordon auf, den die „Erwachsenen“ seit je um die Noch-nicht-Erwachsenen zogen, und demonstrierten – immer im Bunde mit klugen und weitsichtigen Erziehern, von Eduard Spranger bis zu Gustav Wyneken – die relative Mündigkeit der vermeintlich Unmündigen.

Symbole dafür waren die Fahrten, die Lagerfeuer, die Klampfen, die kniefreien Hosen, die unbedeckten Köpfe – zuerst anstößig, dann nur noch lächerlich, dann geduldet, dann nachgeahmt, dann Mode und endlich selbstverständlich. Der heute unbestrittene Fahrtenstil, als „Camping“ zum guten Ton geworden, ist nun ein Symbol für den Endsieg der Jugendbewegung und für ihre Überflüssigkeit. Das sollten gerade die „Jugendbewegten“ von einst, die jetzt Sechzigjährigen, leicht einsehen. Aber viele von ihnen neigen zu elegischer Rückschau. Das war noch eine Zeit! scheinen sie zu denken. Und schon ist das Urteil über die heutige Jugend gefällt: kein revolutionärer Auftrieb mehr, kein Protest, kein „eigener Generationswille“ – welch Jammer um die Investition so vieler Kräfte in früheren Jahrzehnten! Aber eben hier steckt der Irrtum, dem gerade die Führer der Jugendbewegung so leicht verfielen: als müsse sich die Revolution in jeder Generation wiederholen, und als könne sich der Wille junger Menschen nur in Empörung gegen das Geltende äußern...

Ist die heutige deutsche Jugend geistig stumpff Diesen gerade von den einstmals Jugendbewegten so oft geäußerten Verdacht können die so sorgfältig ausgewerteten Umfragen des NWDR und des EMNID gründlich entkräften. Sie zeigen, daß der Prozentsatz der durchaus Uninteressierten, der geistig Stumpfen, Unaufgeschlossenen heute etwa ebenso hoch liegt wie der der für die Ausläufer der Jugendbewegung Empfänglichen – bei zwei bis drei vom Hundert. Über neun Zehntel nehmen, natürlich in Abstufungen der Intensität, am politischen, kulturellen und sozialen Leben teil, ohne sich ausdrücklich von der Zone der Erwachsenen abzugrenzen und auf ihre Zugehörigkeit zur jungen Generation Wert zu legen. Das mag ein Symptom für verminderte Stoßkraft sein, ein Zeichen für Rückfall in die Unmündigkeit der Zeit vor der Jugendbewegung ist es nicht.