Am kommenden Ostersonntag werden in dem kleinen fränkischen Ort Schwaig die 28. Deutschen Waldlauf-Meisterschaften ausgetragen. Unter den siebenundzwanzig bisher in der Meisterschaftsliste aufgeführten Austragungsorten stehen neben den Großstädten Berlin, München, Stuttgart, Hannover und Dresden auch so kleine Städte wie Fürstenwalde, Ülzen, Wittenberg und Bergedorf. Und dennoch bildet Schwaig eine Ausnahme.

Die unmittelbar am Ostrand Nürnbergs gelegene Gemeinde zählt noch nicht viertausend Einwohner. Schwaig ist heute vornehmlich Siedlungsgebiet, und die ursprünglichen Erwerbszweige wie Landwirtschaft und Bienenzucht sind fast vollkommen verschwunden. Der Sportverein, dem man in diesem Jahre die schwierige Aufgabe der Organisation einer so wichtigen Veranstaltung übertragen hat, besteht in seiner jetzigen Form erst knapp zehn Jahre. Er hat noch nicht einmal vierhundert Mitglieder, von denen die Hälfte Jugendliche und Schüler sind. Im kameradschaftlichen Zusammenhalt hat diese sportliche Gemeinschaft sich in den wenigen Jahren ihres Bestehens eine vorzügliche Sportanlage geschaffen und besonders im Fußball und in der Leichtathletik eine gute Stellung gesichert. Und jetzt wagt es dieser Verein, eine Deutsche Meisterschaft mit allen damit verbundenen Verpflichtungen auf eigenes Risiko, aber in hilfreichem Zusammenwirken aller durchzuführen. Man hat einen erheblichen Teil des Grundkapitals in die Organisation gesteckt, um sich die Ehre, Träger einer großen Veranstaltung zu sein, zu verdienen und den Idealisten des Sports ein hoffnungsvolles Beispiel zu geben. Daß sich der Gemeinderat auch nicht versagte, die wichtigen Kämpfe nach besten Kräften zu unterstützen, ist besonders erfreulich. So braucht der Deutsche Leichtathletik-Verband keine Sorge zu haben, daß die diesjährige Meisterschaft sich nicht würdig an ihre Vorgängerinnen anschließen wird.

Über die Austragung dieser Meisterschaft jedoch kann man grundsätzlich sehr geteilter Meinung sein. Wir können uns mit ihr ebensowenig befreunden, wie mit den unzähligen übrigen Titelkämpfen in unserem Sportbetrieb. Da gibt es Meisterschaften für alle nur möglichen Altersklassen für Männer und Frauen, da werden für Senioren und Jugendliche Hallenmeisterschaften veranstaltet in der Leichtatiethik, im Tennis und im Handball, und niemand merkt den Unfug, der darin liegt. Es kann doch nur einen Meister geben: den Besten von allen. Auch Hallenmeisterschaften sind zum mindesten fragwürdig. Sportkämpfe gehören ins Freie. Hallenübungen sollten eigentlich nur dazu dienen, sich über den langen Winter die Form zu bewahren. Daneben gibt es viel bessere Mittel, sich auch in der kalten Jahreszeit auf sportlicher Leistungshöhe zu halten, wenn man schon nicht dem Körper volle Entspannung und Ruhe gönnen will.

Als ein solches Mittel wurde vor einem Menschenalter der Waldlauf eingeführt. Er sollte nichts weiter sein als eine Ergänzungsübung, die den Sportlern die Möglichkeit gab, auch im Winter im Kontakt mit der Natur zu bleiben und ihre Kräfte zu fördern und zu prüfen. Dann aber konnte man sich eines Tages Leibesübung ohne Wettkämpfe nicht mehr vorstellen, und verfälschte den Zweck dieses Laufes.

Seit dem Jahre 1913 besitzen wir nun eine Deutsche Waldlauf-Meisterschaft. Aus einer reinen Übung, die hauptsächlich aus Liebe zur Natur und gesundheitlichen Gründen entstand, wurde eine eigene Sportdisziplin, in der sich nun wieder einzelne Athleten spezialisierten und sie zu einem Wettkampf entwickelten.

Wenn es unseren Verbandsleitern wirklich Ernst ist mit ihren wiederholten Versicherungen, sie wollten Sport wieder in vernünftige Bahnen lenken, dann könnten sie es leicht am Beispiel des Waldlaufes zeigen: Sie sollten ihn zu seiner ursprünglichen Bestimmung, Übung und Erholung zu sein, zurückführen. Vielleicht könnte dieser Schritt der Anfang einer grundlegenden Reform unseres Wettkampf(un)wesens sein. Aber wer unter den verantwortlichen Sportführern wird den Mut haben, vorzuschlagen, daß man Sport um des Menschen willen treiben und daß man aus Freude am Wald und am Laufen Waldlauf machen kann?

W. F. Kleffel