Weiße Villa an der Côte d’ Azur. Ferien für zwei Monate. Orangensaft auf der Terrasse. Eintauchen ins grüne Meer. Pinien und der Sandstrand von St. Tropez. Cécile in der Sonne bratend. Cécile auf ihrem Zimmer träumend. Cécile, so jung, ein bißchen eckig und so glücklich. So jung und so glücklich mit ihrem jungen, glücklichen Vater Raymond, und dessen derzeitigen Freundin Elsa, die sich schält: Sonnenbrand. Cécile glücklich auch bald mit Cyrill, dem Studenten: goldbraun, nackt und göttergleich an Charakter und Leib, segelt, schwimmt, küßt, ist ernst und zärtlich, stark, weich und hart, goldbraun, nackt und treu. Alle sind glücklich, sind es in dem Roman

"Bonjour Tristesse" von Françoise Sagan, Ullstein-Verlag, 192 S., 9,80 DM.

Da kommt Anne. Anne ist in Raymonds Alter, klug und von gepflegter Schönheit, streng, gleichgültig, überlegen, kommt mit einem Buick aus Paris, wo sie ein Modeatelier leitet. Und dazu Elsa, die jüngere, die ausgehaltene Frau, deren Formen zu reizend, deren Kleider zu farbig, deren Lachen zu laut. Dazwischen Raymond, Mittvierziger, voll männlichen Charmes, leichtsinnig, leicht sinnlich, großzügig, ein homme à femmes wie auf Breitwand. Es könnte gutgehen, da Anne ja – herb, sublim und ein Wesen höherer Art – nur zu Gast ist bei den dionysischen Strandvögeln. Allein sie hat Pläne, und sie ist über die Vierzig. An Cécile, dann an Raymond beginnt die appolinische Pariserin die Erziehung des Menschengeschlechts. Raymond soll geheiratet werden, Cécile sich auf die Reifeprüfung vorbereiten. Zunächst wird Elsa, die femme fatale, eliminiert. Raymond ist schnell entflammt für Inneres, Reifes, wie es sich in den gepflegten Rundungen Annes präsentiert, der Zug zum höheren reißt ihn leicht fort. Schwierig Cécile. Sie soll lernen, auf Cyrill verzichten und endlich sogar auf ihren besten Kameraden, den Vater, dessen ärztliche Komplicin sie zwei glückliche Jahre schon, nach langen Klosterschulzeiten, war? Cécile bewundert Anne und lernt sie hassen. Beleidigtes Kind plus eifersüchtige Frau gleich Kabale im Quadrat. Sie holt Elsa wieder herbei (kein Sonnenbad mehr, nur noch große Sinnenkatze), attachiert sie dem göttergleich ernsten, ihr, Cécile, blind ergebenen Cyrill, macht so ihren Vater Raymond eifersüchtig und unsicher; der Alternde will beweisen, daß er noch immer jeden Studenten, und sei er auch göttergleich, aussticht. Die Tragödie: Raymond trifft sich heimlich mit Elsa, Anne überrascht beide im Tête-à-tête, springt, endlich von Leidenschaft übermannt, in ihren Buick, verunglückt tödlich. Und Cécile? Unordnung und frühes Leid, wurde an Cyrill zum Weibe, kehrt mit Vater ins alte, liebe Lotterleben zurück, fängt viele Flirts an, aber da blieb was, sie nennt es tristesse, sagt mit der ganzen Grazie einer kleinen Bestie Bonjour zur Traurigkeit des ewig nun bleibenden schlechten Gewissens, und so kommt doch humaner Glanz über alles, aber wieder einmal mißlang die Erziehung des Menschengeschlechts.

Das Buch macht Furore: 250 000 Exemplare in Frankreich. "Grand Prix des Critiques." Übersetzt in vierzehn Sprachen (deutsch von Helga Treichl). Die Autorin ist 1935 geboren, schrieb es im August 1953, mit achtzehn Jahren also. Ist es zu glauben? Man muß wohl. Literarische Sensation? Nein. Hübscheste Lektüre für den D-Zug. Zwischen Hamburg und Hannover ist es ausgelesen, so hübsch handlich, so hübsch kurz, so hübsch spannend, so hübsch übersichtlich, so hübsch empfunden, so hübsch gescheit – so hübsch, so hübsch. Und doch nicht süß, kein Kitsch, nur manchmal simpel, sehr psychologisch, instinktsicher, modernes Sujet, uralter Konflikt. Leicht und sicher erzählt, wie wir es-, nie erreichen. So menschlich proportioniert. Angenehm. Bonjour Françoise, en Allemagne!

Im besten Sinne ein Ullstein-Buch. Aber 9,80 DM? Ist schön gedruckt und gebunden; aber gehörte das nicht in französische Broschur? Auch der deutsche Leser würde sich einmal ans billige, leichter gemachte Buch gewöhnen. Wenn man es ihm nur anbieten wollte! Thilo Koch