Deutschland erwache“, hieß der Kampfruf der braunen Banden, die 1933 die Macht in Deutschland übernahmen. Ihr Glück war es, daß Deutschland nicht erwachte, sondern in einen tragischen Märchentraum von Herrenwelt, falscher Größe und Barbarei versank. „Seid wachsam“ – das sind die Schlußworte des einzigen positiven Helden in dem Film „Der letzte Akt“, der den Untergang des Dritten Reiches und seines Führers Hitler in dem Bunker zu Berlin im April/Mai 1945 zeigt (Urania, Hamburg).

„Seid wachsam“ – sprachlich ist diese Aufforderung vom rechten Schlachtruf nicht allzuweit entfernt. Für diesen Film schrieb Erich Maria Remarque – dieser „exzellente“ Kenner des Dritten Reiches, der in zwei Büchern, die Novellen „Der Funke Leben“ und „Zeit zu leben, Zeit zu sterben“ – seine verantwortungslose Leichtsinnigkeit hinsichtlich der Beschreibung von Phänomenen, wo exaktes Wissen notwendig gewesen wäre, schon bewiesen hat. Da fragt man sich dann beklommen, ob es vielleicht in der Absicht gelegen habe, durch diesen Film und seinen Kampfruf das Publikum in Wirklichkeit genauso wenig „wachsam“ zu machen wie die Nationalsozialisten die Menschen wirklich zur Menschlichkeit „erwachen“ lassen wollten. Denn jedem Einsichtigen ist klar, daß es heute noch nicht möglich ist, einen Hitler-Film zu drehen. Es ist durchaus möglich, das Leben eines anderen politischen Abenteurers gigantischen Ausmaßes – das Leben Napoleons – auf der Leinwand zu zeigen: er ist über hundert Jahre tot, man kann es sich erlauben, sein Verbrechen und – seinen Glanz darzustellen. Die Geschichte hat ihr Urteil gesprochen: auch dem großartigsten Napoleondarsteller wird es – bei einem objektiven Drehbuch – nicht gelingen, die Menschen im Parkett davon zu überzeugen, daß Napoleons Politik und Kriege notwendig und gerecht waren. Sollten aber einige Zuschauer wider Erwarten doch zu dieser Ansicht kommen, dann ist es nicht so gefährlich: Napoleon und seine Zeit sind vorbei, jemandem, der heute erklärt, der Korse sei ein großer und edler Mann gewesen, kann man zwar mit Verwunderung, aber ganz ohne Gefahr zuhören.

Hitler dagegen ist erst seit zehn Jahren tot. Würde man ihn darstellen, wie er war, als den manischen Teufel mit dem Sendungsbewußtsein des Bösen, so würden notwendigerweise auch die luziferischen Eigenschaften des Teufels mit darzustellen – die Leuchtkraft des absoluten Nihilisten mit einzufangen sein. Dies im Film heute zu gestalten, ist zu gefährlich, wenn es auch noch so ehrlich gemeint ist. Denn wenn daraufhin ein paar aus dem Parkett Hitler doch für einen „großen Mann“ erklärten, dürfte man ihnen nicht mehr so beruhigt zuhören.

Und also bleibt dem Film nur noch die zweite Möglichkeit, den österreichischen Gefreiten zu einem österreichischen Narren zu machen, zu einer Charlie Chaplin-Figur aus Braunau am Inn. Diesen letzten Weg haben denn auch E. M. Remarque, der Regisseur Erich Pabst und der Darsteller des Hitler, Albin Skoda, beschritten. Herausgekommen ist ein Film von trauriger, verballhornter Groteske (freilich auch mit eindrucksvollen Einzelaufnahmen, zum Beispiel von der Überflutung der Berliner S-Bahnkeller), der das Phänomen des unter den Trümmern von Berlin allmählich in Blut und Dreck erstickenden Nazismus dem hysterischen Gelächter des Publikums preisgibt. Bei diesem Untergang aber dürfte niemand von uns lachen: denn es ist ein Stück von vielen Deutschen, das da untergeht, freilich ihr schlechtestes. Wer uns diesen Untergang heute zeigt, der muß auch dem Verstocktesten unangreifbar klarmachen, daß das Ende schon da war, als jener „beschloß, Politiker zu werden“, daß es da war, als er 1933 Reichskanzler wurde, als er den Vertrag von München unterzeichnete, als seine Truppen an der Wolga und vor dem Suezkanal standen ... Statt dessen zeigt sich in dem Film, daß das Ende kam, weil erstens der Feinde zu viele waren (im Film geht es meistens nur um Truppenverschiebungen, durch die noch etwas gerettet werden soll) und weil zweitens der „größte Feldherr“ ein Idiot war (der diese Truppenverschiebungen nicht genehmigte). „Sieh’ mal an“, kann das viel zitierte Lieschen Müller sagen, wenn es aus dem Kino kommt, „wenn der Hitler nicht so verrückt gewesen wäre und die 9. Armee frühzeitig an die Ostfront geworfen hätte und in Rechnung gestellt hätte, daß Wenk zum Entsatz nach Berlin zu schwach war ... wer weiß, wer weiß...“

So weit sind wir also wieder. Aber was kümmert die Columbia-Film und E. M. Remarque die wirklich notwendige Aufklärung unserer Vergangenheit? Was kümmert sie das Unheil, das sie mit solchen, in der Kameraführung und Aufnahmeregie glänzend gemachten Filmen anrichten? Geschieht nicht alles als ausdrückliche Warnung vor dem Faschismus? Aber nicht jeder benimmt sich deshalb antifaschistisch, weil er es im Vorspann ankündigt. – Nun denn, kommen wir wenigstens der sprachlich so mißglückten Parole des Films „Seid wachsam“ nach: seien wir wachsam gegen die, die unter dem Vorwand der Menschlichkeit Vergangenheit nicht klären. sondern weiter vernebeln.

Paul Hühnerfeld