In Jeder Hinsicht ist die Luft in Knapsack besser geworden. Seitdem die alliierten Kontrolloffiziere jenes ehemalige IG Farben-Werk, die Knapsack-Griesheim AG, Knapsack bei Köln, verlassen haben und das Unternehmen von der Kontrolle befreit worden ist, hat ein ungestümes Wachstum eingesetzt. Erhebliche neue Investitionen an alten Karbidöfen und Phosphoranlagen führten dazu, daß die Dunstglocke der chemischen Abgase lichter geworden ist. Knapsack und das in unmittelbarer Nachbarschaft befindliche große Braunkohlenelektrizitätswerk des RWE, Goldenberg, verursachen seit Jahrzehnten eine stauberfüllte Luft, die schon weit vor Köln über dem Horizont sichtbar ist. Was Knapsack angeht, so soll das nun besser werden, teilte der Vorsitzer des Vorstandes, Dr. Friedbert Ritter, anläßlich der Vorlage des Abschlusses für 1954 mit. Die Investitionsvorhaben umfassen rund 100 Mill. DM, die im wesentlichen von der Konzernmutter, der Farbwerke Hoechst AG, Frankfurt/Main, gegeben werden.

Allein die neuen Phosphoranlagen, die schon in Jahresfrist in Betrieb kommen sollen, erfordern rund 30 Mill. DM und jeder neue Karbidofen rund 12 Mill. DM. Knapsack wird nach diesen Investitionen bei weitem der größte Phoshorerzeuger des Kontinents sein. Bezüglich Karbid wird die neue Produktionskapazität erheblich größer als die frühere in Priesteritz/Elbe sein, die einst die größte der Welt war. Mit zur Zeit 1 Mrd. Kilowattstunden (künftig 1,5 Mrd.) RWE-Braunkohlenstrombedarf ist Knapsack der größte Kunde des RWE. Bei diesem Strombedarf ist es nicht verwunderlich, daß sich die Verwaltung eingehende Gedanken über die Möglichkeiten der Anwendung von Atomenergie macht. „Atomenergie wird eines Tages billiger als Steinkohlenstrom und auch billiger als Braunkohlenstrom sein“, ist die Auffassung der Werksleitung. Dabei bezahlt Knapsack an das RWE nur einen Durchschnittspreis je kWh, der zwischen 2 und 3 Pfennig liegt. Das Werk ist somit wohl der Kunde mit dem günstigsten Stromvertrag. Aber Karbid (und Phosphor) sind nicht nur stromintensiv, Karbid ist auch sehr koksintensiv, braucht man doch für eine Tonne Karbid 0,7 t Koks. Die derzeitigen Kokspreiserörterungen werden daher vom Werk mit großer Sorge verfolgt.

Den deutschen Jahresbedarf von 8000 bis 9000 t Phosphor plus Phosphorsäure kann die deutsche Produktion noch nicht decken, zumal der Bedarf laufend steigt. Es sind aus diesem Grunde noch Importe notwendig, die nach Erstellung der neuen Kapazitäten von Knapsack vermutlich in Wegfall kommen können. Das Rohphosphat wird von Knapsack neuerdings aus der UdSSR, und zwar von der Halbinsel Kola, bezogen? daneben laufen die traditionellen Einkäufe in den USA.

Das Unternehmen hat 1954 einen Umsatzvon 220 Mill. DM und mit seinen Tochtergesellschaften von zusammen 250 Mill. DM erreicht, mithin gegenüber 1953 rund 16 v. H. mehr gemacht. Hoechst nahm für rund 33 Mill. ab, was etwa 15 v. H. entspricht. Im einzelnen wurden in 1954 im Vergleich zum Vorjahr verkauft: organische Produkte für 65 (49) Mill. DM, Phosphor für 20 (11), Kalkstickstoff für 21 (29), Sauerstoff für 42 (36), Schweißkarbid für 39 (35) und Schweißgeräte für 24 (17) Mill. DM. Die Produktion von Ferrosilizium ist, da allzu stromintensiv, eingestellt worden, weil gegen die norwegischen Preise, die auf der Grundlage des dortigen billigen Wasserstroms wesentlich niedriger liegen, nicht zu konkurrieren ist.

Das mit 36 Mill. DM kapitalisierte Unternehmen ist im Verhältnis zum Umsatz unterkapitalisiert. Das AK liegt voll im Besitz von Hoechst. In der Bilanz sind rund 14 Mill. DM Bankverbindlichkeiten mit zehn Jahren Laufzeit verbucht, was zu einer Umwandlung in Aktienkapital anregt. Das Unternehmen müßte eine AK-Basis von etwa 50 bis 60 Mill. DM haben. Über eine Kapitalerhöhung werden bereits Gespräche geführt? doch sind diese noch nicht abgeschlossen. Der Jahresgewinn beträgt etwa 2,7 Mill. DM. Er ist aus dem Zahlenwerk nicht ersichtlich, da mit Hoechst ein Organschaftsvertrag besteht. Die Belegschaft erhielt in 1954 eine Ertragsbeteiligung von rund 540 DM pro Kopf der 5200 Mitarbeiter. Die Aussichten werden von der Verwaltung als gut bezeichnet. r l t.