h. h., Rosenheim

Erich Witt, 38 Jahre alt, von Beruf Musiker und Kolonnenführer einer Werbeabteilung, unterlief am Wochenende in einer Apotheke bei Rosenheim ein kleiner Formfehler auf dem selbstgeschriebenen Rezept, das auf Eukodal lautete. Der Apotheker schöpfte Verdacht und die Kriminalpolizei stellte fest, daß ihr der Chef einer achtköpfigen Gruppe motorisierter Rauschgifthändler, deren; Mitglieder alle hochgradig süchtig sind, ins Netz gegangen war. Mit Hilfe von gestohlenen Blankorezepten hatten sie in Apotheken in ganz Bayern große Mengen an Betäubungsmitteln erschwindelt und sich gegenseitig Injektionen gegeben. Im Regensburger Donauhafen traten sie außerdem bei ausländischen Schiffsbesatzungen als Aufkäufer von Heroin und Marihuana-Zigaretten auf.

Erich Witt, der sich in der Regensburger Heil- und Pflegeanstalt einer Entwöhnungskur unterzogen hatte, lernte dort seine ersten Mitarbeiter kennen, aus denen er eine Werbekolonne für Zeitschriften bildete. Entmutigt durch geringe Erfolge in Südostbayern, nahm er seine Werber abends einzeln beiseite um sie aufzupulvern, indem er den Burschen, die alle zwischen 19 und 26 Jahre alt sind, Rauschgiftpräparate spritzte. Während die ersten Injektionen gebührenfrei verabreicht wurden, mußten sich die „Patienten“ für alle weiteren an den Kosten beteiligen. „In kurzer Zeit waren wir alle süchtig“, erklärte der Jüngste der Kolonne, der auch gestand, daß er unter Einfluß von Polamidon und Eukodal über sich selbst hinauswuchs und die besten Geschäfte seines Lebens machte. Die Clique, deren Mitglieder immer süchtiger wurden, ging soweit, den Ärzten die Rezeptblöcke in günstigen Augenblicken während der Untersuchung vorgetäuschter Beschwerden von den Tischen zu stehlen. Es besteht der dringende Verdacht, daß ein Mitglied der Gruppe selbst Stempel anfertigte. Nachdem die Illusion, unter Einfluß des Stimulans „fabelhafte Verkaufserfolge. zu erzielen, verflogen war, löste sich die Kolonne langsam auf. Heute sind die Werber in alle Winde verstreut, ein Teil ist arbeitslos, der andere in Entwöhnungsaushalten. Auf der Anklagebank des Rosenheimer Amtsgerichtes werden sie ein Wiedersehen feiern, zu dem auch einige Ärzte geladen sein werden, die diesen „Privatpatienten“ ohne genaue Untersuchung Rezepte ausgeschrieben haben.