Nach einer alten Volkssage saßen einst sieben überall als faul verschriene Brüder auf einem ererbten Bauernhof. Wie faul sie waren, erkannten ihre Nachbarn daran, daß die Brüder sich nicht – wie alle anderen Bauern der Gegend – damit abmühten, auf den sumpfigen Wiesen das spärliche Glas zu mähen, sondern daß sie nur ein paar Gräben anlegten, in denen das Wasser abfloß. Und weil sie zu faul waren, täglich immer wieder die notwendigen Wege zwischen dem Stall, der Scheune und der Futterkammer zurückzulegen, bauten sie ihren Hof so um, daß sie alles bei der Hand und nicht mehr viel zu laufen hatten. Sie erfanden allerlei Geräte, um sich die Arbeit zu erleichtern, und wenn einem von ihnen wieder ein Schritt zu noch größerer „Faulheit“ gelungen war, so freuten sich die anderen Brüder und machten es ihm nach.

Das Verhalten der sieben faulen Brüder würden wir heute in der Industrie „Rationalisierung“ nennen; denn Rationalisierung ist das Bemühen, durch immer bessere Arbeitseinteilung und immer vollkommenere Maschinen größere Wirtschaftlichkeit des Betriebes und verbilligte Herstellung der Erzeugnisse zu erreichen. Für die Menschheit bewirkt Rationalisierung aber nicht nur billigere Einkaufsmöglichkeit, sondern vor allem weniger lange Arbeitszeit und leichtere Arbeitsbedingungen bei langsam steigendem Reallohn.

Um ein überzeugendes Bild über die Auswirkung fortschreitender Technisierung und Rationalisierung auf Arbeitseinkommen und Arbeitszeit zu gewinnen, müssen wir einen größeren Zeitraum, etwa die letzten 50 Jahre, zum Vergleich nehmen. Nachfolgende Statistik, bei der jeweils die Kriegs- und ersten Nachkriegsjahre ausgelassen wurden, zeigt deutlich, daß mit zunehmender Entwicklung von Technik und Rationalisierung auch eine langsame Verkürzung der durchschnittlichen Arbeitszeit bei allmählich steigendem Reallohn stattgefunden hat.

Hierbei taucht immer wieder die Frage auf: wird das Fortschreiten der Technik und die Vervollkommnung der Maschinen nicht eines Tages die menschliche Arbeitskraft weitgehend verdrängen und die Menschen brotlos machen? Zweifellos verdrängt jede neue Maschine wieder einige Menschen von ihren Arbeitsplätzen. Wie ist es daher zu verstehen, daß die Zahl der Beschäftigten von Jahr zu Jahr zunimmt Wie ist es möglich, daß die trotz zweier Weltkriege durch den Fortschritt der Wissenschaft im letzten Jahrhundert sehr viel stärker angewachsene Menschheit immer wieder in den Arbeitsprozeß eingereiht werden und ihren Lebensstandard noch verbessern kann. Diese erstaunliche Tatsache ist umwälzenden Erkenntnissen auf dem Gebiet der Wissenschaft, rastloser menschlicher Schaffenskraft und der dynamischen Entwicklungsmöglichkeit von Industrie und Technik zu verdanken. Je mehr erfunden, technisiert und rationalisiert wird, desto verzweigter, komplizierter und spezialisierter wird auch die gesamte Wirtschaft. Jede neue Erfindung zieht wieder eine unabsehbare Menge weiterer Erfindungen, Werkstätten und Einrichtungen nach sich. Man denke nur einmal, wer heute z. B. alles vom Auto lebt! Je mehr ein Produkt dann überarbeitet, verbessert, d. h. rationeller hergestellt wird, desto billiger kann es verkauft und breitesten Käuferschichten zugänglich gemacht werden. Wobei das ganz allmähliche Steigen des Reallohnes als weiteres Ergebnis der Rationalisierung die Entwicklung der Konsumausweitung noch positiv unterstützt. Also nicht nur die immer mehr zunehmende Vielfalt der Industrie, sondern auch der durch Rationalisierung ermöglichte ständig steigende Absatz industrieller Erzeugnisse tragen zu einer noch nicht absehbaren Ausweitung des gesamten industriellen Schaffens bei.

Nun ließe sich vielleicht vermuten, daß diese Entwicklung der Technik zwar bisher möglich gewesen wäre, solange es noch sehr viele unterentwickelte Staaten gab, die gute Abnehmer industrieller Erzeugnisse waren. Wie wird es nun aber in der Zukunft werden, wenn diese Staaten selbst anfangen, Fabriken und Maschinen zu bauen? Nun, hierzu ist festzustellen, daß die industrialisierten Staaten wohl vieles in die unterentwickelten Staaten geliefert haben. Die besten Abnehmer industrieller Erzeugnisse sind dennoch nicht die zurückgebliebenen, ackerbautreibenden Staaten in Afrika oder Asien, sondern ganz im Gegenteil hochentwickelte Staaten wie die Schweiz, Holland, Belgien, die Nordstaaten, Amerika; denn nicht die bedürfnislosen Neger im Urwald nehmen Spezialmaschinen, elektrische Geräte, Fernsehapparate, Uhren, optische Instrumente oder gar modische Neuheiten ab, sondern nur hochindustrialisierte, zivilisierte Länder. Es hat sich also herausgestellt, je primitiver ein Volk lebt, desto weniger können wir mit ihm handeln, je zivilisierter aber ein Volk ist und je höher damit sein Lebensstandard, desto differenzierter sind seine Lebensansprüche und desto größer ist auch die Möglichkeit des Warenaustausches. Die Sorge, daß die Industrialisierung der unterentwickelten Länder den Warenaustausch einschränkt, ist unbegründet.

Wir stehen heute ganz allgemein vor der Tatsache, daß trotz oder gerade durch immer vollkommenere Maschinen und bessere Arbeitseinteilung immer mehr Menschen Arbeit finden können. Also macht uns die Technik auch in aller Zukunft bestimmt nicht brotlos – ganz im Gegenteil!

Dagmar Gütermann