Ein mächtiges Vorspiel zu dieser Sequenz, einer wesentlich früheren Ausdrucksstufe angehörend, in der Latinität des Kulturkreises um Karl den Großen, ist der Hymnus "Veni, creator spiritus!" In der Nachdichtung durch Goethe hebt er an mit der Invokation:

Komm, heiliger Geist, du Schaffender,

Komm, deine Seelen suche heim;

Mit Gnadenfülle segne sie,

Die Brust, die du geschaffen hast.

Goethe hat das Machtvolle in dieser Invokation empfunden auf seine Art. Er spricht von einem Appell ans Genie, mit dem Wirkungsgrad, der daran erkennbar sein soll, daß geist- und kraftreiche Naturen sich mächtig angesprochen fühlen durch ihn. Es sollte niemandem verwehrt sein, sich in Goethes Nähe zu stellen. Es sollte nur nicht übersehen werden, was diesen Hymnus auf eine entscheidende Art in die Nähe der Pfingstsequenz rickt. Es ist die Bitte um den Geist, dessen Gnadengaben sich gleichsam aufgipfeln in der Erkenntnis und der Furcht des Herrn, auf der Stufe, auf der er sich als der Dreieinige zu erkenne gibt. Auf der anderen Seite sollte nicht unbemerkt bleiben, daß der heilige Geist in der ersten Zeile eine Goethische Zwischenschaltung ist. Es unterscheidet den Hymnus von der Seqienz, daß der heilige Geist zwar fraglos gemeint, aber nirgends bei seinem Namen genannt ist, sondern als Schöpfer angerufen wird. Nimmt man ans der vierten Zeile hinzu "die Brust, die du geschaffen hast", so wird man berechtigt sein zu sagen, daß das Schöpferische im Walten des Geistes in dieser ersten Strophe so monumental zum Ausdruck kommt, daß ein Appell an das Genie auch dort wird anklingen dürfen, wo man weit davon ertfernt ist, diesem Appell den Hymnus als Ganzes auszuliefern. Und in der herben, monumentalen Schönheit, die ihm zukommt, sollte er in gleichem Rang mit der Pfingstsequenz in das Fest hineinwirken, wo es als Fest des Geistes gefeiert wird.

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