Am Tage seiner Amtseinführung ist der neuernannte Direktor des Westfälischen Landesmuseums in Münster einem Gehirnschlag erlegen, erst 55 Jahre alt. Dies Schicksal ist um so tragischer, als einer unserer begabtesten Fachleute, der durch die Widrigkeiten der Zeit noch nicht. Gelegenheit hatte, über den engeren Kreis hinaus sein bedeutendes Können zu beweisen, soeben die ihn mit großen Hoffnungen erfüllende Lebensaufgabe gefunden hatte. Es galt, einen durch den Krieg stark angeschlagenen Bau mit relativ großen Mitteln instand zu setzen und wesentlich zu erweitern, die Sammlungen auch in bezug auf die neuere Kunst auf die Höhe der Erfordernisse der Zeit zu bringen und darüber hinaus 35 Heimatmuseen der Provinz beratend zu betreuen. Gräbke brachte für diese Arbeit alle heute so selten gewordenen Voraussetzungen mit, sowohl durch seine kluge und vornehme Persönlichkeit als durch seine bereits vielfach erprobten reichen Erfahrungen.

Hans-Arnold Gräbke, 1900 in Höxter in Westfalen geboren, war Schüler des Grafen Vitzthum von Eckstädt in Göttingen, der so viele unserer tüchtigsten Kunsthistoriker herangebildet hat. In der Zeit nach dem ersten Weltkrieg mußte er sein Geld bei einem Berliner Kunsthändler mühsam verdienen. Die Volontärzeit am Lübecker Museum hat er als eine Befreiung empfunden, sie hat den Grund gelegt für seine Kennerschaft auf dem Gebiet der mittelalterlichen Kunst des norddeutschen Raumes, der Plastik, der Malerei und vor allem des Kunsthandwerks, dem seine besondere Liebe galt. – Nach Rostock berufen, hat er dort aus einem völlig verwahrlosten Heimatmuseum eine vorbildlich geordnete Sammlung erstehen lassen, die weithin Beachtung gefunden hat. Der Krieg hat sie zerstört. Das Naziregime hat seiner Natur Konflikte zugemutet, die schwer an seinen Kräften zehrten. Unter abenteuerlichen Umständen gelang 1946 seine Flucht nach Lübeck, wo ihn die dankbare Aufgabe der Leitung der altberühmten Museen erwartete. Doch wiederum waren die äußeren Umstände erschwerend für seine Arbeit: der verlorene Krieg, die viel zu geringen Mittel zum Ausbau der Sammlungen, häusliche Nöte. Schwer hat auf ihm auch die Verwicklung in den Malskat-Prozeß gelastet, aus dem er, wie zu erwarten war, untadelig hervorging; aber er litt daran, daß auch er die Fälschung der Fresken in der Marienkirche nicht rechtzeitig genug erkannt hatte, freilich ständig an der von ihm gewünschten Kontrolle der Arbeiten gehindert. So war es ein Glück für ihn, daß die große neue Aufgabe in Münster ihn von manchem schweren Druck befreien sollte.

Was er der mühevollen Tagesarbeit an wissenschaftlichen Leistung abgerungen hat, bleibt erstaunlich, freilich fast immer auf sein engeres dienstliches Berufsfeld beschränkt; niemals war ihm die ersehnte Muße zur zusammenfassenden Bearbeitung eines größeren Stoffgebietes vergönnt. Das ist um so bedauerlicher, als er als Museumsmann nicht dem modernen Managertyp angehörte, sondern bei allem Feingefühl für die praktischen Erfordernisse seines Amtes – die Anordnung seiner Sammlungen zeugt von erlesenem Geschmack, ihm zuzuhören bei seinen auch sprachlich geschliffenen Einführungen und Vorträgen war immer ein Genuß – eine durchaus auf wissenschaftliche Erkenntnis gerichtete Natur gewesen ist. Noch spätere Generationen werden auf seinen Resultaten weiterbauen: auf den Gebieten mittelalterlicher Textilkunst und des Erzgusses, der Plastik des Ostseeraumes (die Sicherung des Triumphkreuzes im Lübecker Dom als Werk Bernt Notkes ist sein Verdienst) und hin und wieder auf dem Felde der neueren Kunst, für deren Beurteilung er ein ruhiges und sicheres Qualitätsgefühl besaß. Was er anfaßte, geriet ihm zu fruchtbaren Ergebnissen. Seine Plastikstudien und die Lübeck-Monographie in der Reihe „Deutsche Lande – Deutsche Kunst“ haben ihn auch in den skandinavischen Ländern bekannt gemacht, die er zu Vorträgen und eigenen Forschungen bereist hat. Eine Abhandlung über Hans Memlings Passionsaltar, erst in den letzten Monaten in sorgsamster Arbeit vollendet, wird demnächst im Druck erscheinen. Carl Georg Heise