Ein Haus in Japan – Seite 1

Es brauchte eine wenig Überredung, bis sich Mrs. Okajima bereit fand, mir ein Zimmer in ihrem Haus zu vermieten. Das einzige freie Zimmer, meinte sie, sei zu japanisch – und Europäer benötigten doch wohl allerhand Luxusdinge, wie Betten, Stühle, Bäder, Zentralheizung?

Das Mädchen, das die Vermittlung für mich übernommen hatte – denn Verhandlungen von solcher Delikatesse konnten unmöglich zwischen Mrs. Okajima und mir direkt geführt werden! –, erklärte ihr, daß ich nach Japan gekommen sei, um an der Keio-Universität zu studieren. Und weil ich eben nur eine Studentin sei und nicht etwa die Frau eines amerikanischen Offiziers, würde es wohl auch ohne diese Luxusdinge gehen. Am Ende wurde alles zur allgemeinen Zufriedenheit geregelt. Sogar eine eigene "Kochgelegenheit" wurde vereinbart, so daß ich fortfahren konnte, zum Frühstück Kaffee und Toast, anstatt Reis und Bohnensuppe, Streifen schwarzen Seetangs und gelben Tee zu genießen. So zog ich zu Mrs. Okajima.

Schon nach zwei Tagen war es mir zur Gewohnheit geworden, meine Schuhe im Vorraum auszuziehen. Auf dem Boden zu schlafen, auf ein paar Steppdecken, die tagsüber in einem großen Wand-, schrank verstaut wurden, erwies sich als so angenehm, daß ich es geradezu bedauerte, nach England heimgekehrt, wieder in einem richtigen Bett schlafen zu müssen. Auf einem flachen roten Kissen vor meinem niedrigen Schreibtisch auf. dem Boden zu sitzen, war freilich während der ersten vierzehn Tage reichlich unbequem. Meine Beine schmerzten schauderhaft, ob ich sie kreuzte, ausstreckte oder unter mich faltete. Aber als ich einmal an das Aufdem-Boden-Hocken gewöhnt war, fand ich es hinterher genauso schwierig, wieder zu europäischen Stühlen zurückzukehren. Sie machten mich unbegreiflich ruhelos und es zog mich immer wieder auf den Fußboden hinunter!

Nur an eines konnte ich mich in Japan schwer gewöhnen: An das Fehlen jeglicher privacy, da die Räume eines japanischen Hauses nur durch gleitende Papierwände voneinander getrennt sind, die so wenig schalldicht sind, daß man jederzeit alles hören kann, was im Hause vor sich geht. Die Familie Okajima hatte freilich längst gelernt, jedes Geräusch, das sie nicht hören wollte, sei es im Wachen oder Schlafen, vollständig auszuschalten. Kazuko, Mrs. Okajimas Tochter, konnte manchmal ihre gesamten Schulaufgaben mit lauter monoton hoher Stimme vier bis fünf Stunden lang vor sich hin deklamieren, ohne daß ihr die Brüder deswegen Sofakissen an den Kopf geworfen hätten. Dafür war es nicht nötig, sich leise zu verhalten, wenn die übrigen Hausbewohner schliefen. Wenn man spät nachts nach Hause kam und noch jemand im Haus außerhalb seines Lagers vorfand, so unterhielt man sich noch ein Weilchen mit ihm in normaler Lautstärke, oder schrie einem andern gar über etliche Zimmer weg etwas zu. Als ich mich nach einigen Monaten an diese Sitten gewöhnt hatte, fand ich sie durchaus natürlich.

Im Winter war das Haus sehr kalt. Die einzige Heizung bestand in dem traditionellen hibachi, einem großen, eleganten Porzellangefäß, mit Asche gefüllt, auf der einige wenige Bröckchen Holzkohle glühten. Ein hibachi gibt gerade genug Wärme ab, um sich die Hände aufzutauen. Ich trug in der Regel fünf Pullover übereinander und dazu lange Männerunterhosen unter meinen slacks! Im Sommer machen japanische Häuser dafür alles wieder gut, worin sie im Winter gefehlt haben. An einem schönen Sommertag hebt man einfach alle Außenwände aus ihren Schienen, so daß das Zimmer nach drei Seiten hin in den Garten übergeht. Dann saß man mitten zwischen Grillen, Grashüpfern und weichen, schwarzen Schmetterlingen. Die Sommernächte waren wundervoll. Manchmal kauften wir Glühwürmchen, um sie am Teich im Garten auszusetzen. Da tanzten sie dann auf und nieder, die ganze lange, warme Nacht hindurch!

Mrs. Okajima hatte mich – so erfuhr ich später – vor allem deshalb in ihr Haus aufgenommen, weil sie schwere finanzielle Sorgen hatte. Ihr Mann war gestorben und sie war mit drei halbwüchsigen Kindern zurückgeblieben. Kazuko machte ihr schlimme Sorgen. Ihre Manieren, so sagte sie, seien geradezu fürchterlich: Sie benutzte die ärgsten Bubenausdrücke, schrie und pfiff, konnte Wutanfälle bekommen und wehrte sich gegen den obi – (die breite Schärpe, die mit dem Kimono getragen wird) –, indem sie behauptete, er hindere sich am Atmen!

Ich selbst mochte Kazuko recht gern. Sie hatte etwas erfrischend Artverwandtes, und ich fand es viel leichter, mit ihr auszukommen, als mit den wunderbar erzogenen, mäuschenstillen jungen Mädchen, die bei Mrs. Okajima Unterricht im Blumenarrangieren und in der Teezeremonie nahmen. Denn Mrs.Okajima war von Berufs wegen Lehrerin dieser Künste. Natürlich hatte auch ich gleich Blumenunterricht haben wollen und wurde Mrs. Okijamas Schülerin. Jeden Samstag pflegte ich also auf meinen Hacken vor einem kleinen, niedrigen Tisch zu hocken, mit Vase und Blumen versehen, neben einem der wunderbar erzogenen, mäuschenstillen Mädchen. Oft wünschte ich, die Schülerinnen wären ein wenig mehr wie Kazuko! Ihnen gegenüber fühlte ich mich gar zu ungeschickt, grobknochig und unmanierlich! Sie pflegten Mrs. Okajima mit höflich-unverständlichem Gemurmel zu empfangen, während ihre Stirnen in tiefer Verbeugung den Fußboden berührten. Sie sprachen nur, wenn sie angeredet wurden. Und es war klar, daß sie ohne alle Schwierigkeiten einen Mann finden würden, nachdem sie ihr Diplom im-Blumenrichter und in dem Teezeremoniell gemacht hatten.

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Die alte traditionelle Schule des Blumensteckens ist streng symbolisch: Die Blumen verkörpern Himmel, Erde und Mensch und werden derart gestellt, daß sie die kosmische Beziehung dieser drei zueinander wiedergeben. Diese Schule ist aber etwas zu steif und formal, um sich der Atmosphäre westlicher Wohnräume anzupassen, und darum entstanden in den letzten 50 Jahren etliche neue Schulen, die mehr und verschiedenartigere Blumen verwenden und den Symbolismus zum großen Teil überhaupt fallen gelassen haben. Der Stil, den zu lernen ich mich bemühte, kennt nur wenige Regeln. Er verlangt lediglich eine hohe Blume, "shin" genannt, die den Kernpunkt des ganzen Arrangements bildet, und zwei weitere, um "abzuwägen" und zu "unterstützen", links und rechts von "shin". Alles übrige darf ohne weitere Regeln gefühlsmäßig vervollständigt werden, was es nur um so schwieriger machte. Wenn Mrs. Okajima mir die für mich bestimmten Blumen überreichte, schlug sie meistens vor, welche davon sich am besten zu einem "shin" eignen würde, dann, aber überließ sie mich meinem Schicksal. Nach etwa zehn Minuten pflegte sie zu mir zurückzukommen, um so ungefähr alles, was ich bisher gestellt hatte, völlig anders umzustellen, und obwohl ich nie ganz begriff, warum, wirkten die Blumen danach tatsächlich sehr, sehr viel schöner.

Wir benutzten übrigens nicht nur Blumen, sondern oft auch krumme Äste, Binsen, ja, sogar Steine und Stückchen Treibholz, solange sie eine interessante Form besaßen. (Es gibt übrigens eine sehr moderne, fast schon surrealistische Schule, die mit alten Strümpfen, Fahrradschläuchen und dergleichen arbeitet, doch wird sie noch nicht von vielen anerkannt.) Nach etwa einem Jahr hatte ich dann endlich ein gewisses Gefühl für die Blumen entwickelt, doch bezweifle ich, ob es zur Erlangung jenes Diploms genügt hätte, das die übrigen Schülerinnen, sozusagen als Teil ihrer Mitgift, einfach besitzen mußten.

Übrigens war ich nicht Mrs. Okajimas einzige Mieterin. Hinter meinem Zimmer befand sich noch ein winziger Raum, den sie billig an Studenten abgab. Dort wohnte Uemitsu-san, der sehr arm und außerordentlich ernst war. Er schien weder je zu essen noch je seine Lehrbücher niederzulegen. Oft half ich ihm mit seinen englischen Übersetzungen. Einmal kam er an einem außerordentlich kalten Wintertag und fand mich eingemummt in meine fünf Sweater und die "hibachi" zwischen meine Knie geklemmt wie eine Wärmflasche. "Frieren Sie denn nicht?", fragte ich ihn. Ach, meinte er, es sei ihm schon ein wenig kalt, aber er versuche, diesen Winter ohne Heizung auszukommen. "Aber warum denn?" entsetzte ich mich. "Um mich in Selbstbeherrschung zu üben." Damals war ich noch nicht lange in Japan und seine Antwort erstaunte mich. "Aber Sie sind doch den weiten Weg nach Tokio gekommen, um zu studieren! Wenn Sie nun ihre Hände so kalt werden lassen, daß Sie nicht mehr zu schreiben vermögen, so hat doch Ihr Hiersein gar keinen Sinn?" – Er blickte verachtungsvoll auf mich herab – in seinen Augen war ich nur einer dieser weichlichen, verständnislosen westlichen Menschen – und verließ mich, ohne auf die Übersetzung zu warten, derentwegen er gekommen war. Mir wurde damals klar, daß ich noch viel über Japan zu lernen hatte.

Die Einnahmen aus Zimmervermietung, Tee- und Blumenstunden genügten nicht, um Mrs. Okajima ihr Auskommen zu sichern. Darum pflegte sie ihr bestes Frontzimmer hie und da vier fanatischer Mah-jong-Spielern zur Verfügung zu stellen. Wem ich abends heimkam und die vier Paar Männerschuhe im Vorraum sah, sank mein Herz, denn dies bedeutete, daß nicht nur der Abend, sondern auch die ganze Nacht von Geschrei und dem Klicken der Elfenbeinstücke gestört sein würden. An einem Wochentag ging das so weiter bis etwa halb sieben Uhr früh. Dann legten sich die Spieler eine kurze Stunde schlafen, bis sie so um halb acht an ihre Arbeitsplätze gingen. Kamen sie aber an einem Samstagabend, so spielten sie nicht selten bis zum Sonntagnachmittag durch. Mrs. Okajima gab zwar zu, daß der Lärm etwas störend sei, andererseits zahlten sie aber einen gutenPreis für dieBenutzung des Zimmers, und außerdem wüßten ihre Frauen so, wo sie sich befänden, und brauchten keine Angst zu haben, daß sie sich einem weit schlimmeren Zeitvertreib hingaben.

Der Abschied von Mrs. Okajimas Haus fiel mir schwer, viel schwerer, als der von anderen Häusern, die ich früher bewohnt hatte. Traurig verließ ich mein kleines Zimmer mit den fahlen Strohmatten, dem Blick auf Garten und Teich und die leichte, angenehme Weise, in der man sich mit jemand im übernächsten Zimmer unterhalten konnte. Trauriger noch fand ich, die liebevoll-eingehende Freundlichkeit dieser japanischen Familie in Zukunft entbehren zu müssen. Zumal wenn ich daran dachte, daß ich nun zu den Zimmervermieterinnen von Oxford zurückkehrte. Carmen Blacker