Als Anfang Juli 1944 im Freundeskreis des Grafen Stauffenberg die Frage erwogen wurde, ob es nicht angesichts des Vormarsches der Alliierten auf allen Fronten schon zu spät für das geplante Attentat auf Hitler sei, da hat der General Henning von Tresckow, um seine Meinung gebeten, brieflich geantwortet: „Das Attentat muß erfolgen, coûte que coûte. Sollte es nicht gelingen, so muß trotzdem in Berlin gehandelt werden. Denn es kommt nicht mehr auf den praktischen Zweck an, sondern darauf, daß die deutsche Widerstandsbewegung vor der Welt und vor der Geschichte den entscheidenden Wurf gewagt hat. Alles andere ist daneben gleichgültig.“ Professor Gerhard Ritter nennt diese Worte in seiner Goerdeler-Biographie den „klassischen Ausdruck der Gesinnung, aus der die deutsche Militäropposition erwachsen ist: ihr ging es um die Ehre des deutschen Namens.“

Das Tragische solcher Haltung tritt noch deutlicher hervor, wenn man bedenkt, daß eben um diese Zeit in den alliierten Ländern nirgendwo zu erkennen war, ob das Motiv, das zum Attentat führte, eine Resonanz im Sinne Tresckows finden würde. Die Jahre der „Kollektivschuld“ und der Re-education konnten dann sogar eher zu der Vermutung führen, die Tat vom 20. Juli sei in jeder Hinsicht vergeblich gewesen. Inzwischen hat man aber in den westlichen Ländern umgelernt und ist mehr als damals geneigt, das „andere Deutschland“, für das sich Stauffenberg und seine Freunde opferten, als Realität anzuerkennen.

Ein Film mit dem Thema „20. Juli“ kann, wofern er auf dem Niveau seiner Helden ist, diesen Wandel in derWeltmeinung nur fördern, und es ist nicht zu ersehen, warum das Thema durchaus tabu sein sollte. Nur ist eben für Wert und Unwert solcher Versuche das Kriterium eindeutig gegeben durch die Briefstelle Tresckows.

Seit ein paar Tagen sind nun in vielen deutschen Städten sogar gleich zwei Stauffenberg-Filme zu sehen. Der eine, inszeniert von G. W. Pabst unter dem Titel „Es geschah am 20. Juli“, zeigt sehr ausführlich die Vorgänge des Tages selbst, vom Aufbruch Stauffenbergs bis zu seinem Tode. Der ardere, den Falk Harnack unter dem Titel „Der 20. Juli“ gedreht hat, greift auf die Vorgeschichte der Offiziersrevolte zurück und faßt sich über den Tag des Attentats entsprechend kürzer. Wichtiger als diese Differenz im dramaturgischen Aufbau und in einigen Details ist aber die in der Motivierung des Anschlags. Und diese Differenz ist beträchtlich.

Den Drehbuchautoren des Pabst-Films ist zur Kennzeichnung der Absichten des Kreises um Beck und Stauffenberg nichts Triftigeres eingefallen als die (Stauffenberg in den Mund gelegte) Behauptung, man müsse „nun endlich dem Blutvergießen ein Ende machen“. Dieser Film bestätigt also, wenn auch ganz gewiß unabsichtlich, den Verdacht, daß die Offiziersgruppe vom 20. Juli gegen einen von Hitler gewonnenen Krieg nichts einzuwenden gehabt haben würde – obwohl doch gerade dieser Verdacht unwahr und politisch schädlich ist.

Für Zuschauer, die gewohnt sind, in ihrem Alltagsleben alle Handlungen nach dem Nutzeffekt zu bewerten, mag es zwar verständlicher und sympathischer sein, wenn hohe Offiziere, die Pazifisten de derniere heute geworden sind, eine Aktion zur Liquidierung eines zu kostspielig gewordenen Unternehmens auslösen, als wenn Männer, die mit dem Wort Ehre noch eine konkrete, ihr ganzes Verhalten bestimmende Vorstellung verbinden, eine Tat planen und ausführen, die praktisch so gut wie chancenlos ist. Aber eben dies ist das „Es“, das am 20. Juli „geschah“, und die noch so peinlich genaue, quellenmäßig noch so zuverlässige Rekonstruktion der Ereignisse vormittags in der „Wolfsschanze“ und abends in der Bendlerstraße, kann als solche den historischen Anschauungsunterricht doch nur für den äußeren Hergang bieten, nicht aber für das Verständnis der tragenden Motive.

Autoren und Regisseur des anderen Films waren darin besser beraten. Ihr Gewährsmann ist der General Rudolf Freiherr von Gersdorff gewesen, einst Mitarbeiter Tresckows im Stabe der Heeresgruppe Mitte. Gersdorff, der selbst am 21. März 1943 unter Preisgabe des eigenen Lebens im Berliner Zeughaus einen Anschlag auf Hitler auszuführen versucht hat, kennt nicht nur die Schauplätze und die Personen, sondern vor allem auch die tragische Lebensstimmung, aus der der Entschluß zur Tat geboren wurde. „Die Welt muß erfahren, daß es ein anderes Deutschland gibt“, läßt Harnacks Film Stauffenberg sagen, und diese Worte sind, in der ausweglosen Situation kurz vor der Verhaftung, keine Phrase – so wenig wie sein authentischer Ausruf angesichts des auf ihn zielenden Erschießungskommandos: „Es lebe das heilige Deutschland!“ Derselbe Satz wirkt in dem andern Film als gestelztes Pathos, weil er nur der Epilog einer mißglückten Zweckhandlung ist und nicht tragisches Scheitern ausdrückt.