Gegensätze aus der Heimat wirken in Deutschland weiter – Innere und äußere Konflikte bei den Exilslowaken

Als der slowakische Politiker Matuš Cernák am letzten Dienstag in einem Postamt in München durch ein Sprengstoffattentat ums Leben kam, war sein Name in Deutschland nur einem kleinen Kreise ein Begriff. Das ist nicht verwunderlich. 80 000 Emigranten aus Osteuropa, Slowaken, Tschechen, Polen und Ungarn, Kosaken, Rumänen und Kroaten, Letten, Esten, Litauer, Russen und Ukrainer sind allein für Bayern bei der Münchener Polizei registriert. Cernák gehörte zu den Prominenten, er war Minister und Gesandter a. D., Präsident des „Slowakischen Nationalrats“ in Deutschland, Leiter des Slowakischen Instituts und Sozialkomitees, er gab die Slobodne Slovenska und die Slowakische Korrespondent heraus. Aber in München allein erscheinen heute etwa 40 solcher Emigrantenzeitungen und -blätter (die Stadt steht in dieser Hinsicht an der Spitze in der ganzen Welt), und der Gruppen und Richtungen sind überaus viele. Wie jede Emigration, die deutsche während des Dritten Reiches nicht ausgenommen, haben diese Flüchtlinge aus Sowjeteuropa die politischen Spaltungen der Heimat ins Exil mitgenommen und noch um einige vermehrt. Für den Außenstehenden ist es ein fast unübersehbares Gewirr, das sich erst lichtet, wenn man die Ursprünge in den Heimatländern, die politische Laufbahn Cernáks etwa in der Tschechoslowakei, kennt.

Im Kampf mit den Tschechen

Matuš Cerndk gehörte zu jenen katholischen Politikern, die sich die Selbständigkeit ihres slowakischen Volkes von jeher zum Ziel setzten. Schon als Kind lehnte er sich, der Sohn eines armen Kantors in Mala Veska, gegen die Ungarn auf, die die Slowaken in der Doppelmonarchie beherrschten und deren Schulen er besuchen mußte. Später stritt er mit den Tschechen um die slowakische Autonomie. Als junger Student, kurz nach dem ersten Weltkrieg (er ist 1903 geboren), wurde er begeisterter Anhänger der national-slowakischen Bewegung des Paters Andreas Hlinka, der ihn zum Studentenführer und Leiter der Hlinka-Garde in Preßburg machte. Es vermehrte Cernáks Liebe zu den Tschechen nicht, daß er, als er zu Ende studiert hatte, jahrelang auf eine Anstellung als Gymnasialprofessor warten mußte, weil die Regierung in Prag ihm mißtraute. Dies mag mitgespielt haben, als er am 14. März 1939, dem Tag, an dem die Slowakei von Hitlers Gnaden souverän wurde, die tschechischen Lehrer und Professoren des neuen Staates durch Slowaken ersetzte. Damals war Cernák bereits Unterrichtsminister in der ersten autonomen Landesregierung in Preßburg, die sich nach dem Münchener Abkommen 1938 bildete.

Cernák war stets ein Deutschenfreund, er schätzte die deutsche Literatur, war befreundet mit dem Volksgruppenführer Franz Karmasin, und als Minister gewährte er den Deutschen in der Slowakei sogleich die volle Schulautonomie. Die Austreibung der Sudetendeutschen hat er scharf verurteilt, er schloß mit ihnen im Exil ein Versöhnungsabkommen ähnlich dem des Tschechen Lev Prhala. Und das ist einer der Gründe, warum er den chauvinistischen Exiltschechen, die das Verbrechen an den Sudetendeutschen auch im kommenden Staat verewigen möchten, verhaßt war.

Im Streit um die Nachfolge Hlinkas, der im Frühjahr 1938 starb, stellte sich Cernák auf die Seite Karl Sidors, den der alte Pater protegiert, mit höchsten Ämtern seiner Slowakischen Volks-, partei ausgestattet und in einem, allerdings höchst umstrittenen, Testament dem Volke empfohlen hatte. Aber weil Sidor sich mit einer Autonomie innerhalb des tschechoslowakischen Staates zufriedengeben wollte, zog Hitler radikalere Leute vor, den Pfarrer Dr. Josef Tiso, der beim Staatsstreich vom März 1939 erster Staatspräsident der Unabhängigen Slowakei, und den Anwalt Ferdinand Durcansky, der Außenminister wurde. Cernák blieb nicht Minister, er wurde nach Berlin geschickt und bezog, da die Tschechoslowakei zum Protektorat gemindert war, die noch warme tschechische Gesandtschaft und hielt während des ganzen Krieges für alle Deutschen ein gastfreies Haus. Dabei blieb er Sidor treu und intrigierte gegen Tiso.

Dies allerdings mußte er mit Vorsicht tun, denn Tiso erfreute sich – zu recht oder unrecht – der Protektion Hitlers. Er setzte sich sogar gegen den Favoriten der SS und des SD durch, den Ministerpräsidenten Dr. Vojtech Tuka, der als Märtyrer der slowakischen Sache (die Tschechen hatten ihn als angeblichen Spitzel zehn Jahre eingekerkert) Anspruch auf die Staatspräsidentschaft erhob. Eine wichtigere Rolle als Cernák spielte allerdings zeitweise der Attaché Rudo Striezenec, Berlin, Giesebrechtstraße 14, ein vormaliger gräflicher Kutscher, der heute Mitglied des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei in Preßburg ist.