Die ostzonale Künstlergruppe „Das Ufer“, 16 Maler, Bildhauer und Graphiker, zeigt bis zum 15. August eine Auswahl ihrer Arbeiten in der Agentur des Rauhen Hauses in Hamburg. Bilder, Holzschnitte und Graphiken, zwei schöne Porträtköpfe und ein paar heiter gelungene kleine Bronzen. Es ist eine ungewöhnliche Sammlung – ungewöhnlich für das Jahr 1955. Gute und weniger gute Bilder sind darunter. Nur zwei von ihnen fallen ganz aus dem Rahmen maßvoller Konvention vergangener Jahrzehnte. Diese beiden Bilder von Fritz Tröger: Zwei Arbeiter, die auf einem Baumstamm hocken vor dem Hintergrund primitiv hingestrichelter Tannenzweige und ein Waldpanorama mit einem dreisprachigen Warnschild (die erste Sprache ist russisch) erinnern durch ihre Motive, nicht durch eine „moderne“ Malart, den Betrachter daran, daß er in einer Kunstausstellung des Jahre 1955 steht.

Die Gruppe „Das Ufer“ kommt aus Dresden. Die Agentur des Rauhen Hauses hat das Verdienst, die erste geschlossene Ausstellung von Werken ostzonaler Künstler seit Kriegsende im Westen zu veranstalten. Den Mut hatten diese Künstler. Denn sie kamen nicht als Sendboten der ostzonalen Kulturpolitik. Sie wurden nicht ausgewählt und protegiert als die Repräsentanten jener Programmkunst, die unter dem Schlagwort „Sozialistischer Realismus“ mit anderen Vorzeichen fortsetzt, was in zwölf von geplanten tausend Jahren die Kunst in Deutschland zu ersticken drohte.

Diese erste Begegnung mit „ostzonaler Kunst“ ist eine Begegnung mit Menschen und Werken, die weder progressiv noch aggressiv sind, die nicht mit noch gegen den Strom schwimmen, sondern bewahren. Die Älteren unter ihnen – die meisten von ihnen gehören der älteren Generation an – scheinen seit 1933 auf diesem Weg zu sein.

So sind sie auch nicht wegen, sondern trotz der Ostzone und der dort propagierten Kunst zu uns gekommen. 16 Künstler (und nicht ein „Künstlerkollektiv“, wie die ostzonale Presse sie nannte) stellen sich in Hamburg vor. Wenn Individualisten sich zu einer Gruppe zusammenschließen, dann wollen sie angreifen oder sich wehren. „Das Ufer“ greift niemanden an. Privat, wie ihr künstlerisches Anliegen, war auch ihr Weg durch den Eisernen Vorhang. Der Leiter dieser Gruppe, Siegfried Donndorf, ist der Bruder des Pastors Donndorf, der die Agentur des Rauhen Hauses in Hamburg leitet. Über ein Jahr hat er vergeblich versucht, einen Ausstellungsraum im Westen zu finden. Da stellte ihm sein Bruder das Rauhe Haus zur Verfügung. Über ein Jahr hat es auch gedauert, bis die ostzonalen Autoritäten die Genehmigung gaben, die Kunstwerke über die Zonengrenze zu schicken. Jedes einzelne mußte von einer staatlichen Zensurstelle genehmigt werden. Im Juli 1955 gab es plötzlich keine Schwierigkeiten mehr.

Die Künstler, die aus Dresden nach Hamburg kamen, waren so still und zurückhaltend wie ihre Werke. Sie sahen sich um – und sprachen wenig, am wenigsten über Programme. Was sie auszusagen hatten, das hing und stand an den Winden. Und sprach in Monologen eine Sprache, die, um nicht verstummen zu müssen, kein neues Wort verwandte – weder von hüben noch von drüben. Mo.