Seit Jahren gehört Ernst Tillich zu den prominentesten Angriffszielen der kommunistischen Presse, eine Tatsache, die einem Westberliner gewöhnlich zur Ehre gereicht. Seit Jahren aber auch stößt Tillich und die von ihm geleitete „Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit“ auf immer zahlreichere und vernehmlichere Kritiken im Westen, die sich in der vorigen Woche in der seit drei Jahren fälligen Parlamentsdebatte im Berliner Abgeordnetenhaus entladen sollten – als die SPD-Fraktion ihre geplante Anfrage über die Tätigkeit der Kampfgruppe mit Rücksicht auf die Angriffe des Ostens überraschend zurückzog. Trotz des einmütigen Drängens von Presse und Publikum, trotz deutlich distanzierender Äußerungen aus Kreisen des Berliner Senats und der Parteien scheint Tillich, solange er im kommunistischen Angriffsfeuer steht, für amtlich geführte kritische Diskussionen tabu zu sein.

Dabei wären die Westberliner Behörden es ihrem eigenen Interesse schuldig, den Nebel um Ernst Tillichs Arbeit zu lichten und zu untersuchen, was in der stacheldrahtumzäunten Villa in Nikolassee, dem Hauptquartier der Kampfgruppe, vor sich geht. Detaillierte Informationen darüber sind bisher nur von den Schauprozessen der Sowjetzone geliefert worden, in denen Jugendliche zum Tode und zu hohen Zuchthausstrafen verurteilt wurden, weil sie angeblich in Tillichs Auftrag Sabotageakte in Produktions- und Versorgungsbetrieben und am Verkehrsnetz der Zone vornehmen sollten. Diese Aktionen, die von Tillich nie überzeugend dementiert worden sind, widersprechen entschieden den Gründungszielen der Kampfgruppe, die von ihrem Initiator Rainer Hildebrandt als Such- und Aufklärungsdienst über die Zustände in Zuchthäusern und Konzentrationslagern der Zone gedacht war. Verläßliche Auskunft ist deutschen Behörden niemals über die von Tillich geleitete Arbeit der KgU erteilt worden; dank dem Schutz des amerikanischen Geldgebers, der die Kampfgruppe fast ausschließlich finanziert, wurde selbst dem Ministerium für gesamtdeutsche Fragen Einblick verweigert. Unverhohlen spricht der Westberliner „Telegraf“ von Tillichs Arbeit für den amerikanischen Nachrichtendienst; der SPD-Innensenator Lipschitz hat schon vor einem Jahr, noch als Abgeordneter, unkontrollierbare Organisationen angegriffen, die „unter dem Banner des Freiheitskampfes dunklen Elementen Untersdilupf“ gewähren, und der Berliner Witz hat für derart professionelle Freiheitskämpfer den Begriff des „Freiheitsrackets“ erfunden.

Dieser Funktionswandel der Kampfgruppe von einem karitativ gedachten Aufklärungsdienst zu einem Feldherrnstand des aktiven Widerstandes hat sich unter der Leitung Ernst Tillichs vollzogen. Die im Blockadewinter von Rainer Hildebrandt gegründete Organisation diente zunächst nur der Materialsammlung über Zustände und Insassen der Lager und Gefängnisse in der Zone; hierüber wollte die KgU die westliche Öffentlichkeit in Kundgebungen, Broschüren und in einem von Hildebrandt geplanten Standardwerke ähnlich Kogons „SS-Staat“ aufklären. Dieser „gewaltlosen Waffe“ ist, unter anderem, die Auflösung der Konzentrationslager und die Entlassung von 30 000 Gefangenen zu danken.

Seit Anfang 1949 gehörte Tillich bereits als Mitarbeiter der KgU an, in deren Führung er sich systematisch vorarbeitete: seit 1951 „politischer Leiter“, hatte er bis November 1952 schließlich Hildebrandt ganz verdrängt, der sich am vierjährigen Gründungstag der Kampfgruppe, im Dezember 1952, von Tillichs Arbeitsweise öffentlich entschieden distanzierte.

Der heute Fünf undvierzigjährige, Verwandter des Religionsphilosophen Paul Tillich, hatte ursprünglich Professor für systematische Theologie werden wollen. Wegen Zugehörigkeit zur Bekennenden Kirche verlor er 1934 seine Assistentenstelle an der Berliner Universität und verbrachte drei Jahre im Konzentrationslager. Nach Kriegsende arbeitete er im Berliner Wohlfahrtswesen, und als er in die Kampfgruppe eintrat, war er bereits in Aufsätzen und Vorträgen über die Beziehungen zwischen Christentum und Politik als SPD-Redner und -Autor bekanntgeworden. Seine Arbeit in der KgU machte ihn seiner Partei aber binnen drei Jahren so mißliebig, daß er im November 1952 aus der SPD ausgeschlossen wurde.

Der erste Schritt in die gefährliche Zone aktiver Widerstandsanleitung wurde getan, als die Kampfgruppe im Sommer 1949 vom sicheren Parkett der Westberliner Städtischen Oper her die Zonenbevölkerung aufforderte, das frischerfundene Freiheitssymbol „F“ an Straßen und Gebäuden anzubringen. Im November 1950 wandte sich Tillich „im Namen zahlreicher Widerstandsgruppen in der Sowjetzone“ in einem offenen Brief an den Bundeskanzler, und ein Jahr später erklärte er unverblümt als Ziel der Kampfgruppe, „die Sowjetzone zu befreien“. Mit gefälschten Briefen und Verordnungen, die ins Zonengebiet zu schmuggeln sind, will er „den Staatsapparat durcheinanderbringen“, Flugblätter durch Luftballons „vom Himmel regnen“ lassen. In den 1950 einsetzenden Schauprozessen des Ostens war darüber hinaus von Brückensprengungen und Industriesabotage die Rede, man erfuhr bei dieser Gelegenheit von einem chemischen Labor der Kampfgruppe und von Waffenausrüstung ihrer Mitarbeiter. Im Sommer 1952 fielen die ersten Todesurteile im Burianek-und Kaiser-Prozeß. Jetzt wurde die Westpresse hellhörig, Zweifel an der Kampfgruppe, an „der Ernsthaftigkeit ihrer Arbeit und der Zuverlässigkeit ihrer Führung“ wurden laut, und der Ruf nach einer „Klärung ohne Rücksicht auf Verluste“ erscholl immer drängender. Abermals verlangte das Ministerium für gesamtdeutsche Fragen, das Tillich seit einem Jahr bereits keine Zuschüsse mehr zahlte, Einblick in seine Tätigkeit. Tillich jedoch, der die Zugehörigkeit der Verurteilten zu seiner Organisation zugeben mußte, verlangte statt dessen in öffentlicher Kundgebung, das deutsche Volk müsse „ein Volk der tapferen Widerstandskämpfer“ werden.

Eine Untersuchung ist damals unterblieben. Die Scheu, den westlichen Hohen Kommissaren in den Rücken zu fallen, die Puschkins Forderung nach Auflösung der Kampfgruppe und anderer Organisationen eben abschlägig beantwortet hatten, bewahrten Tillich vor dem Zugriff deutscher Stellen. Die neuerdings massierten Angriffe, die er seiner Zusammenarbeit einem besonders üblen Nachrichtenhändler verdankt, beantwortet er mit dem Hinweis, da er im vergangenen Jahr 4395 Flüchtlingsgutachten und 8323 sonstige Behördenanfragen erledigen konnte – eine Auskunft, die gegen die Behörden spricht, die sich bei einem unkontrollierbaren Unternehmen Informationen holten. Seinen Kritikern unterstellt Tillich, daß ihre Polemik möglicherweise „der Unterminierung und Ausschaltung des Widerstandsgeistes im deutschen Volk“ gelten solle.

Die parlamentarische Debatte hat man gescheut. Daß der dem Justizsenator angebotene „Einblick in die Tätigkeit der KgU“ zu verläßlichen Auskünften führen wird, ist unwahrscheinlich, zumal die von der ostzonalen Justiz verurteilten Jugendlichen von ihren Zuchthäusern her nicht reden können. Die einzig mögliche Lösung des Problems wäre, den alliierten Stellen, die auf die Tätigkeit derartiger Organisationen nicht glauben verzichten zu können, die volle Verantwortung und Führung dieser Unternehmen zu überlassen.

Sabina Lietzmann