Manfred Curry, der vor zwei Jahren mit wenig mehr als fünfzig Jahren starb, war einer jener merkwürdigen Außenseiter, die von der medizinischen Fachwissenschaft gern mit mehr oder minder großem Mißtrauen betrachtet werden, bis sich eines Tages herausstellt, daß sie „Geschichte gemacht“ haben. Bevor sich Dr. Curry der Wissenschaft verschrieb, war er ein berühmter Sportsmann; ein Segler, der Fachbücher veröffentlichte und Kulturfilme machte; ein passionierter Weltreisender und ein beneideter Tourniertänzer, dem ein freundliches Geschick erlaubte, nur seinen Neigungen zu leben.

Eines Tages packte ihn in Afrika die Amöben-Ruhr. Während Curry mit Fieber und Schwäche kämpfte, sah er immer wieder das Barometer neben seinem Bett an und entdeckte, daß sich sein Befinden, unabhängig vom üblichen Krankheitsverlauf, je nach der Wetterlage verbesserte oder verschlechterte. Diese persönliche Beobachtung regte ihn an, den Zusammenhängen zwischen Klima und Krankheit nachzuspüren. Was dabei herauskam, stellt sich heute als Reaktions-Typenlehre dar. Auf einem ererbten Besitz am bayrischen Ammersee wurde das Medizinisch-Bioklimatische Institut gegründet, das zu Currys Lebenswerk geworden ist. Die Ergebnisse seiner Forschung sind in den Werken „Bioklimatik“ und „Schlüssel zum Leben“ niedergelegt. Hier wurde das erste wünschelrutenartige Instrument entwickelt, mit dem heute schon eine Anzahl von Ärzten die Reaktionsfähigkeit des Menschen mißt und das mittlerweile zu einem automatischen Meßgerät verbessert worden ist. Mit ihm wird festgestellt, ob der Patient ein W-, K- oder M-Typ ist.

Diese Abkürzungen bedeuten, in gemeinverständlichen Sprachgebrauch übersetzt: ein K-Typ ist empfindlich gegen Wetter und Klima, das von Kaltfronten bestimmt wird; ein W-Typ gegen Wärmefronten. Curry und seine Mitarbeiter glauben, herausgefunden zu haben, daß der W-Typ vorwiegend entzündlichen, der K-Typ spastischen Erkrankungen ausgesetzt ist; ja sogar, daß die zwei Hauptformen der Geisteskrankheit, das manischdepressive Irresein und die Schizophrenie, dem W beziehungsweise K-Typ zugeordnet seien. Die reinen K- oder W-Typen sind sehr selten; es überwiegt der M-, das heißt Mischtyp, bei dem zwar K oder W dominieren, der jedoch meist einen kleineren oder größeren Einschlag des Gegenpols aufweist. Der ideale, gleichmäßige und infolgedessen körperlich wie geist-seelisch harmonisch ausgewogene Misch-Typ ist so selten, wie es der Real-Mensch überhaupt ist.

Warum reagieren Patienten bei gleicher Konstitution mit der gleichen Krankheit völlig verchieden auf die gleiche Medizin? Warum – so sagte mir kürzlich ein bekannter Kneipp-Arzt – verschlechterte sich das Befinden meines Patienden A., als ich ihn die von ihm dringend gewünschte Rohkost essen ließ, obgleich er sie seinem organischen Befund nach ausgezeichnet hätte vertragen können? Warum verträgt meine Patientin B. die Kur in Bad X. nicht, die „doch voriges Jahr ihrem Mann so ausgezeichnet bekommen ist“, obgleich auch diesmal die konstitutionellen Voraussetzungen dieselben, scheinbar günstigen sind. Oder warum haben C. und D. gänzlich gegensätzlich auf die jetzt sobeliebten und zweifellos in vielen Fällen ausgezeichneten Lanthasol-Inhalationen reagiert?

„Seitdem ich Currys Forschungsergebnis kenne und sein Meßgerät benutze“, meinte der Arzt, „habe ich eine Antwort auf diese Fragen: es kann sich eben um verschiedene Reaktionstypen handein.“ Wobei man nicht vergessen darf, daß die Reaktion, im Gegensatz zur Konstitution, sich im Verlaufe eines Menschenlebens ändert, so daß eine einmal stattgefundene klimatypologische Untersuchung und Einordnung keineswegs für Jahrzehnte gültig bleibt.

Als praktische Anwendungsmöglichkeit jahrzehntelanger theoretischer Untersuchungen ist nun auf dem Gelände des Medizinisch-Bioklimatischen Instituts von Frau Curry in Riederau am Ammersee eine Klinik erbaut und vor wenigen Wochen eröffnet worden, die den Namen ihres verstorbenen Mannes trägt. Sie wird von Currys langjährigem engstem Mitarbeiter, dem Internisten Dr. H. A. Hänsche, geleitet. Die schönen Räume des früheren Privathauses mit dem Blick auf den sanft gewellten Ammersee aus vielen riesigen Fenstern dienen jetzt den Besuchern dieser Traumklinik zum Aufenthalt. Die schall-isolierten Patientenzimmer mit Bad, Telephon, Radio und Terrasse sind von exakt durchdachter Zweckmäßigkeit. Wer hierher kommt, fühlt sich wie in einem besonders schönen, sehr persönlichen Paying-guest-Haus. Aber der Schein trügt, und das soll er ja auch.

Jedes Zimmer hat eine Anlage, durch die es zur Klimakammer umgewandelt werden kann, das heißt, es werden Wärme, Luftfeuchtigkeit und Luftdruck reguliert, oder es findet eine Ozonisierung statt. Eine Ärztin ist Tag für Tag damit beschäftigt, jedem Patienten täglich je nach Befund Zimmeraufenthalt, Liegen im Freien oder Spaziergänge, sei es an den See oder in den Wald (beide an das Klinikgelände angrenzend) zu verordnen. Im übrigen stehen Kneipp-Anlagen, warme Seewasserbäder, Ultraschall- und andere Elektrogeräte zur Verfügung; Krankengymnastik und Massage werden angewandt und selbstverständlich jede Diätform, mit dem Ton auf „jede“. Der Diagnostik dienen die Röntgenabteilung, der EKG-Apparat und das Labor. Es sei erwähnt, daß zu den Curryschen Forschungsgebieten auch die Frühdiagnose des Krebses gehört hat. Eine Behandlung findet nicht statt, wohl aber Überweisung in entsprechende Kliniken. Viele Leidende kommen ambulant, bleiben ein oder mehrere Tage zu einer gründlichen allgemeinen und bioklimatischen Untersuchung und erfahren unter Umständen dann, welches Heil- und Reizklima für sie die beste Wirkung verspricht.