George Forestier ist tot. Eigentlich hat er gar nicht gelebt. Trotzdem kommt sein „Tod“ überraschend, selbst für seinen Verlag, den Eugen Diederichs Verlag in Düsseldorf, der lakonisch mitteilte, daß der Name Forestier nur das Symbol für das Werk eines „Ungenannten“ gewesen sei. Diese Mitteilung ist auch ein Symbol. Symbol für eine Zeit, in der offenbar selbst ernsten Menschen die Gedichte eines Dichters nicht mehr genügen, die sein Leben abenteuerlich drapiert sehen wollen. Nur dann verkauft sich eine Lyrik, wenn man dem Dichter – nach Wahl – ein zerrüttetes Elternhaus zuteilt, ihn als Jüngling in üble Spelunken von Marseille schickt, ihn dort im Kreise von zotenreißenden Kameraden auf Bierdeckeln seine ersten Gedichte niederschreiben läßt. Im Falle Forestier hatte man dann noch den fast genialen Einfall mit der Fremdenlegion. Im Film mag sie keinen Hund mehr hinter dem Ofen hervorlocken – in der Lyrik hat sie ihre Karriere erst begonnen. Ihn dann in Indochina fallen zu lassen, war allerdings ein bißchen voreilig. Hätte man da nicht bis zum nächsten Krieg, oder wenigstens bis zu den gegenwärtigen Unruhen in Marokko warten sollen? Hätte das nicht noch einen dritten Band gegeben und vielleicht noch einige Tagebücher und einen Band Briefe?

Allerdings: So schnell gelingt solch ein Coup nicht wieder. Man wird jetzt mißtrauisch sein. Was stimmt überhaupt noch? Wer hat nun wirklich gelebt und wer seine Gedichte eigenhändig verfaßt? Wie ist es mit Saint Exupery? Hat er existiert? Und wenn... war er vielleicht nur Flieder und nichts als Flieger, und ein anderer hat für ihn geschrieben? Ist er auch nur das „Symbol für das Werk eines Unbekannten?“ Und wie steht es mit T. E. Lawrence? Stimmt da alles? Oder nur die Hälfte? Und Kafka? Sind die Tagebücher und die Briefe an Milena gefälscht? Sicher sind sie es nicht – aber man wird jetzt so unsicher und das sich solche Zweifel einnisten – wer kann einem das verübeln?

Vielleicht entsteht ein neuer Literaturzweig. Eine Art Falsch-Lyrik-Dezernat mit der Aufgabe, die Öffentlichkeit vor Irreführungen zu bewahren. Vorerst sieht man sich gezwungen, nur noch jene Dichter als tatsächlich existent anzuerkennen, denen man selbst die Hand gedrückt hat und die ihre Werke selber vorlesen. Womit denn die oft belächelte Buchlesung eine ganz neue und wichtige Existenzberechtigung erhält.

Wolfgang Ebert