h. h., Berlin

Man spricht jetzt davon, daß die Berliner Bahnhöfe wieder aufgebaut werden sollen. Zumindest einige von ihnen. Wenn wir ehrlich sind, müssen wir zugeben, daß sie niemals sonderlich repräsentativ gewirkt haben in ihrer verräucherten Düsternis. Weder der Anhalter noch der Lehrter oder Zoo, und schon gar nicht der Stettiner und der Schlesische Bahnhof waren Visitenkarten von Berlin. Hitler, der ja bekanntlich im Pompösen schwelgte, wollte sie kurzerhand abreißen und statt ihrer eine gigantische Zentralstation bauen. Aus dem Bauen wurde nichts, und das Abreißen besorgten dann andere. Nein, eine Zierde Berlins waren seine Bahnhöfe nicht. Aber sie atmeten Tradition als Glieder eines Gesamtkörpers, die jedes auf seine Weise beitrugen, Berlin zu formen und zu vollenden. Als diese Glieder dann amputiert wurden, siechte der Körper dahin und konnte nur noch künstlich am Leben erhalten werden.

Auf jeden Fall liebten die Berliner ihre Bahnhöfe und, wie sie nun einmal sind, bauten sie sie mit ein in ihr schnodderiges Witzrepertoire, wie alles, was typisch war für Berlin. „Woll jestern uff’n Schlesischen Bahnhof anjekommen, wat?“ hieß es von Leuten, die sich noch nicht völlig akklimatisiert hatten, die Anzeichen einer gewissen, unberlinischen Doofheit offenbarten oder die überhaupt langsamer schalteten, als es hier nun einmal Brauch war. Der Schlesische Bahnhof, heute Ostbahnhof, war das Einfallstor aller, die von jenseits der Oder kamen. Ihn passierte das Hauptkontingent des Zuwachses. Millionen kamen seit den siebziger Jahren bis nach dem ersten Weltkrieg hier an aus Breslau und Kattowitz, aus Warschau und Lemberg, aus Ost- und Westpreußen.

Lehrter und Anhalter demonstrierten im Gegensatz mehr den Drang in die Ferne. Allerdings nur auf Zeit, denn wer verließ schon für immer Berlin, wenn er einmal hier Fuß gefaßt hatte. Als ich einst nach dreijährigem Aufenthalt in Übersee mit dem Koffer in der Hand wieder auf dem Lehrter Bahnhof ankam, traf ich zufällig einen alten Bekannten. Er begrüßte mich mit den Worten: „Nanu, wollen Sie verreisen?“ Weltstadt Berlin! Es fiel weiter nicht auf, wenn man eine Zeitlang unsichtbar blieb.

„Mensch, ick hau dir eine in den Bahnhof, daß dir sämtliche Gesichtszüge entgleisen!“ Jargon der Berliner Ganoven, in dem Witz und blutiger Ernst einander die Waage hielten. Während des Krieges überwog der Ernst auf der ganzen Linie. Der Schlag in den Bahnhof saß. Er brachte sämtliche Gesichtszüge von Berlin zum Entgleisen. Er lähmte auch das Herz.

Hoffen wir, daß der Wiederaufbau der Bahnhöfe auch das Herz wieder kräftiger pulsen läßt.