G. v. U. Hamburg, Ende August

Die „klimatischen Spannungen“ in Werkstätten, Docks und Montagehallen, mit denen sich die ZEIT in den Nummern 32 und 34 ausführlich beschäftigte, haben sich vorige Woche unvermutet rasch in Streikgewittern entladen. Bei der Suche nach den mittelbaren und unmittelbaren Streikursachen werden die verschiedensten Vermutungen geäußert, von denen die der kommunistischen Agitation die dramatischste ist. Nach vielen Gesprächen mit Arbeitern, Unternehmern und Verbandsvertretern scheint uns die Besorgnis, daß die Streiks Kommunisten machen können, berechtigter, als die Überraschung darüber, daß Kommunisten unter bestimmten, für sie günstigen Umständen Streiks machen können. Deutschland hat heute weniger Kommunisten als irgendein anderes europäisches Land. Die Wirtschaft anderer Länder bricht unter zehn bis dreißig Prozent Kommunisten auch nicht zusammen; warum sollte die deutsche bei weniger als fünf Prozent in Schwierigkeiten geraten? Bei den Betriebsratswahlen dieses Sommers gewannen die Kommunisten in der Metallindustrie zwar ein paar Sitze, verloren aber ungefähr ebensoviele im Bergbau. Das Gesamtbild hat sich wenig geändert.

Natürlich liegt den Kommunisten daran, daß man wieder von ihnen redet. Die Furcht vor dem kommunistischen „Gespenst“ war einst das Stichwort für das „Kommunistische Manifest“. Im Bonner Bundestag können die Kommunisten keine Propaganda mehr für sich machen, und wenn das Urteil in Karlsruhe gegen sie ausfällt, sind auch ihren außerparlamentarischen Aktionen enge Grenzen gezogen. Der nächstliegende Ausweg, für sie ist daher die Agitation in den Betrieben. Teils unter eigener Flagge, teils getarnt als Neutrale, weil diese Tarnung sowohl eine Konzession an die Bolschewistenfeindlichkeit der deutschen Arbeiter sein mag („russische Verhältnisse wollen wir nicht“, versicherte uns ein streikender Arbeiter der Howaldtswerke, der sich selbst als „idealistischen Kommunisten“ bezeichnete), als auch eine Vorsichtsmaßnahme für den Fall des Parteiverbots. Die Kommunisten haben selbst das größte Interesse daran, die Streiks in Hamburg und Kassel als „ihr Werk“ hinzustellen. In Wahrheit ist ihr Anteil allenfalls der eines Funkens. Den Brennstoff, in den der Funke fällt, müssen sie vorfinden. Man wird freilich nie alle Funken austreten können. Darum sollte die Lehre aus den jüngsten Streiks die sein, Deutschlands Betriebsklima gegen Funken unempfindlich zu machen.

Wenn man vom Klima im übertragenen Sinne spricht, sollte man auch das tatsächliche Klima, die sommerliche Hitze als zusätzliche Streikursache nicht vergessen. Sie erinnert uns daran, daß der Mensch ja eigentlich ins Freie gehört und nicht in die von ihm gezimmerten Käfige, seien es Fabriken, Büros – oder Schulzimmer.

Auch Hamburger Schulkinder aller Altersklassen wurden unruhig und rebellierten, als die Quecksilbersäule dem magischen 30-Grad-Strich immer näher rückte, ohne daß der Lehrer das erlösende Wort sprach: „Hitzefrei“. Auch bei ihnen gab es Klassensprecher, die für Ruhe sorgen sollten, und Rädelsführer, die sich nicht abhalten ließen, das Wort „Hitzefrei“ demonstrativ an die Tafel zu schreiben.

Verlassen wir aber die Schule und begeben wir uns zu den Howaldtswerken. Für jeden der dort arbeitenden über 1000 glücklichen Motorradbesitzer ist die Hitze ein zusätzlicher Anreiz, am Wochenende ins Grüne oder an den Strand zu fahren. Aber das Motorrad will abbezahlt sein, und um es abbezahlen zu können, müssen Überstunden gemacht werden. Dabei bleibt oft nicht viel vom Wochenende übrig. Im Durchschnitt wird bei Howaldt 54 Stunden gearbeitet, das bedeutet für viele Arbeitszeiten von mehr als 60 Stunden, sowie Sonntagsarbeit. Natürlich kommt kein Arbeiter auf den Gedanken, hitzefrei zu verlangen; wohl aber findet er, daß 48 Stunden Wochenarbeit genügen müßten, um so viel zu verdienen, wie er „braucht“. Brauchen ist ein dehnbarer, weil subjektiver Begriff und deckt sich nur ungefähr mit dem, was man unter „Bedürfnis“ versteht. Unternehmer und Gewerkschaftler haben durchaus recht, wenn sie erklären, Not als Motiv der Streiks in Hamburg und Kassel scheide aus. Nur der Rückschluß von dem Fehlen der Not auf die kommunistische Agitation als alleinigem Motiv ist ein Kurzschluß.

Unstimmigkeiten ergeben sich dann, wenn die Bedürfnisse den Löhnen voraneilen. Wenn nun aber außer den Bedürfnissen auch die Preise steigen, wird der Abstand zwischen dem, was sich der Arbeiter leisten möchte, und dem, was er sich leisten kann, noch größer. Die Statistiker versichern zwar, daß der Lebenshaltungsindex geringer gestiegen sei als die Löhne, daß also der Reallohn – das nämlich, was der Arbeiter für seinen Lohn kaufen kann – heute höher als vor einem Jahr sei. Die Arbeiter und ihre Frauen, die für Butter, Eier, Milch, Gemüse heute mehr bezahlen als vor einem Jahr, sind anderer Ansicht, und wenn wir den Streikursachen nachgehen, ist ihre subjektive Ansicht – gleichgültig, ob sie objektiv richtig ist oder nicht – wichtiger als die der Statistiker und Nationalökonomen.

Der Arbeiter sieht überdies deutlich, daß es der Wirtschaft gut geht. Er meint, der Unternehmer sei durchaus imstande, mehr zu zahlen, und gewisse Unternehmer (gerade in der Metallbranche) bestärken ihn hierin, indem sie tatsächlich zwar nicht „Teuerungszulagen“, aber „Vorauszahlungen auf künftige Tariferhöhungen“ gewähren. So etwas spricht sich natürlich unter Arbeitern ebenso schnell herum, wie Hitzeferien unter Schülern!

Es fehlt jetzt nur noch das Versagen des Klassensprechers und das Auftreten des Rädelsführers, um die Parallele zu unserem „Schulbeispiel“ vollständig zu machen. Etwas engere Fühlung des „Klassensprechers“ mit dem Lehrer, mehr Kontakt der Gewerkschaftsleitung mit den Arbeitern – und die vorhandenen Spannungen hätten sich – jedenfalls auf den Howaldtswerken – nicht in einem Streikgewitter zu entladen brauchen. Vor allem hätten die Tarifverhandlungen früher beginnen sollen, denn schließlich wurde der jetzt geltende Lohntarif, der am 31. Oktober abläuft, schon im März dieses Jahres gekündigt. Die Arbeitgeber hätten gegen sofortige Verhandlungen nichts einzuwenden gehabt, aber die Gewerkschaften wollten offenbar die Entwicklung der Preise, vielleicht auch das Ergebnis von .Tarifverhandlungen in anderen Industriegruppen erst einmal abwarten, um dadurch ihre Ausgangsposition zu verbessern.

Solche Überlegungen sind auf der „Verbandsebene“ üblich und mögen taktisch richtig sein; ob sie psychologisch richtig sind, scheint mehr als fraglich. Der Arbeiter, den man auf den neuen Tarif vertrösten will, sagt: „Mein Hauswirt wartet auch nicht mit der Miete.“ Für ihr mühsam erkämpftes Mitspracherecht haben die Gewerkschaften einen teuren Preis zahlen müssen: den Preis des verminderten Kontakts mit den Arbeitern. Natürlich ist es ein Unsinn, einem Gewerkschaftler einen Vorwurf zu machen, daß er „im Aufsichtsrat sitzt“, aber in der Hitze der Streikdebatte verfehlen solche Argumente nicht ihre Wirkung.

Der Rädelsführer war im Falle der Howaldtswerke ein Mann, der seine Argumente mit großem Geschick und dialektischer Schulung vorbrachte. Das allein aber genügt nicht, um zu erklären, daß er die Arbeiter mit sich reißen und die Gewerkschaftsvertreter an die Wand spielen konnte. Gute Redner werden die Kommunisten immer finden, aber sie müssen auch einen gut vorbereiteten Boden sowie Gegner vorfinden, die gegen kommunistische Manöver nicht ausreichend gewappnet sind.

Die Arbeiter der Howaldtswerke haben es nicht gern, wenn man ihren Streik „wild“ nennt. Einmal versicherten ihnen ihre Streikführer –: wenn sie fest blieben, würde die Gewerkschaft ihre Forderungen schließlich doch noch unterstützen und den Streik dadurch legalisieren, zum anderen sind sie verärgert über die sensationelle Berichterstattung einzelner Zeitungen. „Sie sind von der Zeitung – die Zeitungen lügen ja alle“, erklärte mir ein Zimmermann von den Howaldtswerken. „Wir sind anständige Menschen und wollen wie anständige Menschen behandelt werden! Schreiben Sie das in Ihrer Zeitung.“