Der Wiener Kampf gegen die Allmacht der Krankenkassen

Von Werner Hofburg

Wien, Ende August

Zwei Tage lang haben die Männer in weißen Spitalskitteln das Stadtbild Wiens beherrscht In dem Klinikenviertel am Aisergrund, rund um das Allgemeine Krankenhaus, lag das Zentrum des Geschehens. Aber die „Rollkommandos“ von weißbemäntelten Ärzten reichten bis weit hinaus in die Arbeitervorstädte und erregten überall Aufsehen, seit die Mittagsblätter in alarmierenden Schlagzeilen von dem noch nicht Dagewesenen berichtet hatten: die Ärzte von’Wien streikten.

Seit Kriegsende gehören in Österreich explosive soziale Kämpfe zu den Seltenheiten. Auseinandersetzungen über Lohnfragen finden meist im Schoß der Zweiparteien-Koalition statt. Um so erstaunlicher, daß nun eine Berufsgruppe, deren Angehörige segensreich im stillen wirken, in so tumultuöser Weise auftrat! Zwischen Streikenden und Streikgegnern gab es Raufereien, bei denen es höchst unakademisch zuging.

Die einzelnen gegen das Monopol

Der Konflikt, der am 25. und 26. August lärmend losbrach, hatte sich schon lange vorbereitet: In Österreich nehmen die Krankenkassen eine noch mächtigere Stellung ein als in Deutschland: Da sie Wettbewerb kaum zu fürchten haben, konnten sie nach und nach ein Monopol aufbauen, demgegenüber der einzelne Arzt ohnmächtig ist. Die wenigen öffentlichen Kassen lassen stets nur eine bestimmte Anzahl von Ärzten zur Praxis zu und können sehr wohl über die Existenz eines Mediziners sozusagen das Todesurteil fällen. Daß die Entscheidung über die Zulassung sehr häufig nach dem Parteibuch erfolgte, erbitterte die Ärzteschaft besonders. Sie trat schließlich mit Forderungen hervor, die nicht nur bessere Honorierung und freie Ärztewahl, sondern auch Ausschluß der Spitzenverdiener aus der Kassenbetreuung und Reduzierung der von den Kassen eingerichteten Ambulatorien umfaßte.