Jahre hindurch hat der Bundeswirtschaftminister den Sprechern des Einzelhandels, wenn sie mit der Förderung nach gesetzlichen Regelungen zu ihm kamen, immer wieder den bunten Bilderbogen vorgelegt, den er sich auf seinen Amerikareisen zusammengestellt und bei jeder passenden Gelegenheit ergänzt hatte. Darauf war deutlich zu sehen, wie großartig „drüben“ der Handel funktioniert und sogar floriert: und das in voller Freiheit, ohne einen Wald von Gesetzesstützen und Verbotstafeln ...

Aber auf alle Demonstrationen Prof. Erhards erfolgte immer nur – um mit Wilhelm Busch zu sprechen – „ein allgemeines Schütteln des Kopfes“. Alles Reden blieb vergebens. Loch der Minister wußte sich Rat: Er besorgte tickets und was sonst zu einer gut organisierten Studienreise gehört. Die Spitzen der Organisation sagten „ja“ – und fuhren nach Amerika.

Damit war schon sehr viel erreicht. Die deutschen Einzelhandelskaufleute waren ja nicht für sechs Wochen nach Amerika gestartet, um alles abzulehnen, was drüben ihren (bisherigen) Grundsätzen widerspricht. Sie wollten vielmehr die amerikanischen Verhältnisse sehr genau prüfen und daraus ihre Schlüsse ziehen, wieweit sich fortschrittlicher Kaufmannsgeist als brauchbares Importgut mit nach Hause nehmen ließe. Das würde, so hoffte der Bundeswirtschaftsminister, eine ganze Menge sein.

Mittlerweile sind nun 13 Präsidenten und Geschäftsführer der Spitzenorganisation und der Landesverbände voll beladen mit neuen Eindrücken heimgekehrt. Die Koffer sind ausgepackt, aber ihr Inhalt muß vor einer Verteilung sorgfältig geordnet werden. Das wird noch eine geraume Zeit in Anspruch nehmen – was keineswegs etwas schadet, wenn nur damit zu rechnen ist, daß die Reise sich wirklich gelohnt hat.

Durch Interviews und gelegentlich: Verlautbarungen hat sich jedoch der Schleier vor dem noch zu erwartenden Früchtesegen der Amerikareise bereits ein wenig gelüftet. Demnach scheint sich allerdings an der bisherigen wirtschaftspolitischen Haltung – wenigstens im Grundsätzliches,– nicht allzuviel geändert zu haben. Die vollkommene Freiheit der Handelsgebräuche in den USA, ohne Berufsordnung, ohne ein die Kaufgewohnheiten der Verbraucher einschränkendes Ladmzeitengesetz, ohne von oben her diktierte Wettbewerbsbeschränkungen, so wurde neulich gesagt, entspreche besonderen Voraussetzungen, die bei uns nicht gegeben sind. Aber es gibt da doch manches zum Nachdenken. Der Einzelhändler in den USA lehnt es ab, mehr auf den Nachbarn und sein Geschäftsgebaren zu, schauen als auf den eigenen Betrieb. Er öffnet und schließt seinen Laden, wann er es für richtig hält, ohne darauf zu achten, was die anderen tun. Er ist auch bereit, Bindungen einzugehen, aber nur auf freiwilliger Basis. Konventionen bedeuten ihm nichts. Wenn er rationalisiert, dann nicht, um in erster Linie sein Bankkonto zu erhöhen, sondern um den Kunden immer mehr und oft etwas Besonderes zu bieten, was sich als beste Kapitalanlage erwiesen hat. Es gibt für ihn kein Geschäft ohne kaufmännisches Risiko; er plant fix und reagiert noch schneller auf alle Wünsche der Verbraucher. Es ist ihm eine Selbstverständlichkeit, daß er vom Staat weder eine gesetzliche Hilfe zu erwarten noch irgendwelche Eingriffe in sein ureigenes Reich zu befürchten hat.

Das alles haben die Spitzenvertreter des deutschen Einzelhandels festgestellt und, wie sie erklären, mit großer Bewunderung. Eines allerdings haben sie drüben vergeblich gesucht: bestimmte Methoden, die man als fertiges Klischee mit herüber bringen könnte. Aber der amerikanische Kaufmann hat gar keine festen Verkaufsmethoden – wenigstens nicht in unserem Sinne. Und das ist seine Stärke; man kann sogar sagen: es ist der Generalnenner für die Erfolge eines freien Kaufmannsgeistes, der sich unbeschränkt entfalten kann und der unabhängig von irgendwelchen „Voraussetzungen“ ist.

Diese so wichtige Erkenntnis war vielleicht das positivste Ergebnis der sechswöchigen Studienreise durch die USA. Doch wer von anderen etwas lernen will, muß auch den Mut zur Selbstkritik und zur praktischen Konsequenz zeigen, selbst wenn es gilt, die Marschrichtung entscheidend zu ändern. Viele Tausende von deutschen Einzelhändlern und Millionen von Verbrauchern könnten von der Studienreise profitieren; resignieren wollen sie gewiß nicht. -sk.