Stockholm, Ende August

Seit gut acht Wochen hatte es in Stockholm nicht geregnet. Nicht daß man als Großstädter etwas dagegen gehabt hätte. Endlich erlebte man einen richtigen Sommer, so warm, wie er nach Ansicht, der Fachleute eigentlich nur in Südeuropa, – in Frankreich, Italien, an der Riviera vorkommt. Die gleichen Temperaturen hier wie in Rom, Paris und Madrid. Mochten die Bauern sorgenvoll den Kopf schütteln, für den Städter waren es herrliche Wochen gewesen.

Und doch – gestern früh hatte ich mich dabei ertappt, daß ich nun schon in zwei aufeinanderfolgenden Nächten davon geträumt hatte, daß es regnete, herrlich warm und naß regnete. Wach, in der Morgensonne, wünschte ich das nicht im geringsten. Aber das Unterbewußtsein meldete durch den Traum, daß offenbar nicht nur die Pflanzen, sondern auch wir Menschen, ohne es zu wissen, nach Regen lechzten, Regen brauchten, nachdem zwei Monate kein Tropfen gefallen war.

Heute früh, gerade eben, war ich dann davon aufgewacht, daß wirklich und wahrhaftig schwere Tropfen wild auf das Fensterblech trommelten. Es klang nach Gewitterregen. Ich stürzte ans Fenster. Auf der Straße unten brauste es bereits in beiden Rinnsteinen, an verschlafen parkenden Wagen vorbei. Die haushohe grüne Tanne gegenüber zitterte und schudderte vor Freude unter den auf sie prasselnden Tropfen. Die junge Birke daneben drehte und wehte mit ihren weichen Zweigen einen grünen Schleiertanz der Wonne, und die großen Zweige der starken Kiefern wogten, als atmeten sie tief und tränken mit großen Zügen aus den willkommenen Fluten. Mit allen Nadeln, Blättern und der ganzen Rinde schienen die Bäume das Wasser, das sie plötzlich von allen Seiten umgab, aufzusaugen. Aus einem Fenster irgendwo in der Nähe über mir sagte, eine Männerstimme halblaut nur das eine Wort: „Regen...“Warm und innig, als begrüßte er eine lange vergeblich erwartete lieb Tochter, die plötzlich überraschend da war.

Die Straße war menschenleer in der Frühe. Andächtig lauschend stand ich am Fenster. Es war herrlich, das lebendige Wasser endlich wieder in seiner ganzen Fülle herabrauscnen zu hören.

Bengt Paul