Die große Deutsche Rundfunk-, Femseh- und Phonoausstellung wurde am vergangenen Freitag in der Rheinhalle in Düsseldorf feierlich eröffnet. Man hatte sich einen durchaus ungewöhnlichen Ablauf einfallen lassen. Kein großes Orchester zelebrierte feierliche Musik, sondern – ganz dem Stile dieser höchst technischen Ausstellung entsprechend – wurde die Festmusik von einer elektronischen Orgel gespielt. Nach den Reden der Offiziellen, darunter Kurt Hertenstein für die Industrie, Intendant Beckmann für die Rundfunkanstalten und Ministerpräsident Karl Arnold, wurde auf einer Bildfläche von etwa 4 mal 5 m ein „Gang durch die Ausstellung“ geboten. Im Saal stand ein englisches Fernsehgroßprojektionsgerät, und durch die Gänge der vielen Hallen fuhren insgesamt 15 Fernsehkameras und fingen das Geschehen ein. Leider war das Bild oft zu dunkel, nicht immer verzerrungsfrei, und der Ablauf des Ganzen etwas zähflüssig.

Man vergaß diesen kleinen Schönheitsfehler, wenn man von der Rheinhalle, dem Schauplatz der Eröffnungsfeier, durch den in Sommerpracht leuchtenden Ehrenhof zu den Hallen ging. Auf 45 000 qm Fläche stellen Rundfunk- und Fernsehindustrie, Bundespost, Rundfunkanstalten und u. a. die Hersteller von Einzelteilen wahre Wunderwerke der Standgestaltung vor. Farbenprächtig, geschmackvoll und großräumig sind die von der Industrie belegten Flächen ausgebaut; man hat viel Raum, kann alles zeigen und erstickt nicht wie bei früheren Ausstellungen in der Fülle der Besucher und der Enge des Raumes.

Die Düsseldorfer Leistungsschau der deutschen Rundfunk- und Fernsehindustrie, der Phono- und Schallplattenfirmen sowie der Hersteller von Bauelementen, Meß- und Prüfgeräten und Antennen unterscheidet sich in mancher Hinsicht von ihren beiden ebenfalls schon in Düsseldorf 1950 und 1953 abgehaltenen Vorgängern. Nicht allein ist das Fernsehen diesmal ganz bewußt in den Mittelpunkt gerückt, sondern man macht vor allem dem Publikum Avancen. Es ist für deutsche Verhältnisse ein Novum, daß eine solche Ausstellung in ihren Hauptzeiten bis 22 Uhr geöffnet bleibt. Außerdem gibt es spezielle Attraktionen, die mit einer Fachmesse wenig zu tun haben: funkgesteuerte Schiffsmodelle ziehen ihre Bahnen, auf den Schirmen der Radergeräte sind Rheinschiffe zu sehen, das „laufende Band“ einer Gerätefabrik – zaubert Fabrikatmosphäre in die Hallen, und das gläserne Studio des Fernsehens bietet „Unbefugten Zutritt“, so daß das Publikum täglich viele Stunden Fernsehproben und Sendungen beobachten kann – manchmal ist sogar seine Mitwirkung möglich.

Die Deutsche Bundespost, der Rundfunk selbst und die Kurzwellenamateure stellen auf eigenen Ständen ihr Metier zur Schau; ein historisches Lautarchiv offeriert die Stimmen von Edison, Kaiser Wilhelm II. und anderen dahingegangenen Größen: Es ist eine Publikumsschau par excellence – kein Wunder, daß sich mancher Fachhändler oder Ingenieur fragt, ob er überhaupt hinfahren soll. Nun, es erweist sich bisher, daß jedermann doch kommt; die ersten Tage brachten jedenfalls schon einen ausgezeichneten Besuch aus dem In- und Ausland.

Die Rundfunk-, Fernseh- und Phonowirtschaft darf, im Durchschnitt gesehen, mit dem Verlauf der zurückliegenden acht Monate des Jahres 1955 zufrieden sein; im Großhandel stieg der Umsatz gegenüber der gleichen Zeit des Vorjahres um rd. 13 v. H., und auch der Einzelhandel buchte ein ähnliches Umsatzplus. Von der Industrie aus gesehen, bietet sich folgendes Produktionsbild: im ersten Halbjahr 1955 rd. 1,26 Mill. Rundfunkempfänger und 145 000 Fernsehgeräte. Die Zahl der gefertigten Phonogeräte und Schallplatten ist noch unbekannt, dürfte aber der Schätzung zufolge um 20 bis 25 v. H. über dem gleichen Zeitraum des Vorjahres liegen. Prosperität überall, soweit diese vom steigenden Umsatz abhängt.

Umsatzausweitung aber ist zwangsläufig mit Kredithergabe auf der Lieferantenseite verbunden, zumal der Groß- und vor allem der Einzelhandel in Voraussicht eines kommenden Fernsehgerätegeschäftes die Verkaufsräume und Werkstätten wesentlich erweiterten. So hört man allenthalben Klagen über eine unzulässige Erhöhung der Außenstände; das gilt besonders für den Großhandel, der schon immer der „Bankier des Radiohändlers“ war. Damit aber auch der Einzelhandel zu Worte kommt: von dieser Seite wird konstant über die nicht abreißenden Direktverkäufe der vorgeschalteten Stufen (Produzent und vor allem Großhandel) an. das Publikum geklagt. In Zahlen lassen sich diese Dinge kaum erfassen, so daß sie zum Teil in gegenseitigen Vorwürfen steckenbleiben, ohne damit aus der Welt geschafft zu werden.

Die Preiserhöhung für Rundfunkempfänger hat sich kaum ausgewirkt – genau gesagt, sie hat nur in wenigen Einzelfällen stattgefunden. Damit darf die Periode der harten Preiskämpfe als abgeschlossen gelten – alle Beteiligten haben sich auf ein einmalig niedriges Preisniveau hinabmanövriert. Vielleicht ist auch die Zeit der Rabattkämpfe vorbei, denn irgendwo beginnen in den Bilanzen der Produzenten die roten Zahlen ...

Das Fernsehgerätegeschäft hat in den letzten Monaten nach den anfangs guten Umsätzen auf Grund der Preissenkung im Februar stagniert; die Lagerbestände haben sich erhöht, vor allem bei der Industrie. Das warme Sommerwetter mit seiner Freiluftbetätigung, das mäßige, zum Teil lieblos zusammengestellte Programm, falsche Programmzeiten und manches andere werden als Gründe angeführt. Man ist zwar noch davon überzeugt, das zu Jahresbeginn gesteckte Ziel einer Produktion von 350 000 Empfängern durchhalten zu können, aber zur Zeit ist die Stimmung flau; es wird viel von der Höhe der Einkäufe des Groß- und Einzelhandels auf der Funkausstellung abhängen, ob eine etwas freundlichere Beurteilung Platz greifen kann. Vielleicht veranlaßt diese Lage nun endlich die Rundfunk- und Fernsehwirtschaft, die seit Jahren geplante „Gesellschaft zur Förderung von Rundfunk und Fernsehen“ aktionsfähig zu machen. Vor allem hat das Fernsehen eine geschickte Gemeinschaftswerbung dringend nötig, wenn es nicht im großen Wettbewerb um den Geldbeutel Seiner Majestät des Verbrauchers an Boden verlieren will. Karl Tetzner