Nach Ricarda Huch und Agnes Miegel ist alsdritte Frau Annette Kolb Trägerin des Goethe-Preises der Stadt Frankfurt geworden. Blickt man auf die Reihe der bisherigen Goethepreisträger, so stößt man auf Namen wie Stefan George, Albert Schweitzer, Gerhart Hauptmann, Hermann Hesse, Thomas Mann, Fritz von Unruh, Carl Zuckmayer – Namen, die nicht nur für literarische Leistung stehen, sondern auch einen politischen Akzent haben, sofern „Politik“ das Bemühen ist, die praktischen Dinge der Welt und der Menschheit von einem geistigen Standort aus gestalten und lenken zu wollen. Zu einer so verstandenen politischen Rolle war Annette Kolb schon von Geburt prädestiniert, da sie das Kind eines deutschen Vaters und einer französischen Mutter, einer namhaften Pianistin, war. Wodurch ihr sowohl ein Element praktischen Planens und Ordnens wie ein musischer Zug von ästhetisch gebändigter Art mitgegeben war. Und diese Eigenschaften hat die heute Achtzigjährige in ihrem ganzen öffentlichen Wirken als Schriftstellerin und Essayistin betätigt. Betätigt immer im Dienste des ihr eingeborenen Triebes, die beiden Völker ihrer Herkunft enger ineinander heranführen, ihre beiderseitigen Fähigkeiten und Vorzüge miteinander zu verschmelzen, ihr wechselseitiges Verstehen zu verstärken und zu vertiefen. Kein Widerspruch der Geschichte hat sie in dieser Tendenz je zu beirren vermocht. Im Gegenteil: der Anblick ihrer zerstörten Heimatstadt München entlockte der 1945 zum ersten Male wieder von Amerika Zurückgekehrten nur den trotzigen Ausspruch: „Man hätte auf michhören sollen!“

Annette Kolb gehört zu den bevorzugten Naturen, die ein günstiges Schicksal früh in eine Umgebung von geistiger Freiheit und Großzügigkeit der Lebensform stellte. Ihre Mutter war mit Cosima Wagner befreundet, sie selbst stand Ferruccio Busoni nahe, Persönlichkeiten wie Mechtilde v. Lichnowsky und Carl Burckhardt zählen zu ihrem Kreise. Ihr eigenes Schrifttum spiegelt die Weite des Horizonts wider, den diese Namen umreißen, nicht zuletzt auch im Stofflichen: neben der Romandichterin („Daphne Herbst“ und „Die Schaukel“) steht ebenbürtig die im engeren Sinne „politische“ Verfasserin der „Briefe einer Deutschfranzösin“ und die Autorin einer ausgezeichneten, sachlich zuverlässigen Mozart-Biographie wie eines großen Studienwerkes über „Ludwig II. und Richard Wagner“.

Es wäre zu begrüßen, wenn die Verleihung des Goethe-Preises die Folge hätte, daß die Bücher derAnnette Kolb wieder mehr gelesen als gepriesen würden. Denn es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß ihr Lebenswerk noch immer im Wachsen begriffen ist, daß ihm noch eine beträchtliche Aktualität auch für die Zukunft beschieden sein dürfte. Wir werden die interessante Gesamterscheinung dieser großen Europäerin darum demnächst eingehender würdigen. w-h