Leute, die ihn kurz kennenlernten, wußten von Herrn Strich zu berichten, daß er den Tee trank wie ein englischer Oberst nach fünfzehnjährigem Dienst in den Kolonien: so nebensächlich und als sei draußen Dschungel mit grünen Phosphoraugen. Aber dem kleinen, sorgfältig gekleideten Gelehrten widerfuhr mit dieser Beurteilung Unrecht. Der vorsichtig ausgewählte Kreis von Gleichgesinnten – zumeist Studenten –, der sich zweimal wöchentlich um ihn versammelte, schätzte an Herrn Strich vorzüglich die Scharfsinnigkeit seiner glasklaren Formulierungen. Besonders, wenn er über moderne literarische Probleme sprach, zeichnete er sich durch gallische Eloquenz aus. Es war nicht verwunderlich, daß ein gelegentliches Gespräch über den Dichter O. Herrn Strich zu profunden Gedanken Anlaß gab. „O.’s“, ließ er sich vernehmen, „O.’s Reflektionen über die Notwendigkeit, zu provozieren, sind es im besonderen, die unsere Aufmerksamkeit verdienen. Wir bemerken mit Verwunderung, daß sie philologisch bisher nicht ausgewertet wurden. Hier wäre eine Lücke zu füllen.“

Ermutigt durch die lebhafte Zustimmung seiner Freunde forschte Strich während der nächsten Wochen nach dem Verbleib der Handschriften des Dichters O.; es stellte sich heraus, daß eine Auktion sie nach Grönland verschlagen hatte. Strich beschloß sofort, an Ort und Stelle Einsicht in die Handschriften zu nehmen. Dabei entging ihm nicht, daß der Abdruck gewisser O.’scher Studien nicht vollständig mit der Handschrift übereinstimmte: einmal war ein „und“ unterschlagen, an anderer Stelle das Wort „mild“ durch „wild“ ersetzt worden – eine Verwechslung, die Strich böswillig und verhängnisvoll nannte. Schließlich war im zweiten Abschnitt der O.’schen Arbeit über die Langweiligkeit von Butterbroten ein Semikolon mit einem Komma vertauscht worden.

Mit einem Stab von Mitarbeitern machte sich Strich daran, in einem umfangreichen Aufsatz, den er an über hundert Zeitungen versandte, von diesen Irrtümern in der O.-Forschung Zeugnis abzulegen. „Es gilt“, so sagte er im Vorwort, „... es gilt, einem Manne Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, der es unternommen hat, uns tiefes Gedankengut zu vermitteln – eine Leistung, die nur allzuleicht verkannt wird, weil die getreue Drucklegung seiner Werke von gewissen Seiten sabotiert worden zu sein scheint.“

Leider muß berichtet werden, daß Strichs Arbeit von allen Zeitungen abgelehnt wurde. Ein Redakteur ließ wissen, sein Essay sei besser für eine Nachtsendung im Rundfunk geeignet. Aber auch dort wurde Strich bitter enttäuscht. „Uns Heutigen“ habe O. nichts mehr zu sagen, schrieb ein Abteilungsleiter; er könne wohl mit Fug und Recht als überholt bezeichnet werden – zimal für eine Nachtprogrammsendung, und das volle schon etwas heißen.

„Ich vermute“, rief Strich anläßlich der nächsten Zusammenkunft, „ich vermute hinter dieser Summe unwürdiger Verkennungen eine Methode. Man scheint an maßgebender Stelle Bedenken gegen mein Werk zu hegen – und nicht ohne Grund, wie ich eingestehen muß.“

In dem sonst so ruhigen Kreis löste diese Eröffnung große Empörung aus; es kam zu Tumultszenen. Angefeuert durch die Pfui-Rufe einiger Studenten ließ sich Strich zu der Bemerkung hinreißen, er werde die Publizierung seiner Manuskripte notfalls mit Waffengewalt erzwingen. „Es genügt“, versetzte er hohnlachend, „es gerügt, wenn wir das Funkhaus besetzen. Dazu wollen allerdings sorgfältige Vorbereitungen getroffen sein.“ Man stimmte ihm allgemein zu, die Rollen wurden noch am nächsten Tage verteilt, und es fand ein sechswöchiger Schießunterricht statt, wobei Hesse- und Rilke-Ausgaben zweiter Hand, deren sich Strich schon lange hatte entledigen wollen, als Zielscheiben benutzt wurden.

An einem nebligen Frühlingsmorgen hielten vor dem Hauptportal des Funkhauses fünf vollbesetzte Taxis. Unter den bewaffneten Männern, die die Treppe emporschwärmten, erblickte man, einen dicken Stoß Bücher im Arm, auch Herrn Strich. Nachdem der Portier von einem baumlangen Philosophiestudenten niedergeschlagen worden war, besetzten zwei Männer den Eingang des Funkhauses. Mit einer Eskorte begab sich Strich ohne Verzug in den Senderaum. Eine Gymnastiklehrerin, die dort „Rumpf beugt – streckt“ sagte, wurde auf einem Sessel festgebunden; sie ließ es lächelnd geschehen. Unterdessen wurden alle Personen, die man im Hause antraf, in einen Raum zusammengetrieben, wo sie unter vorgehaltener Pistole ein Kolleg über O. hörten. Im Senderaum nahm Herr Strich vor dem Mikrophon Platz. Mit voller, sicherer Stimme verlas er sein Vorwort und wollte eben in seine Erörterungen über die Fehlinterpretation der O.’schen Werke eintreten, als draußen der erste Schuß fiel. Ohne böse Absicht hatte sich ein Verkehrspolizist dem Haupteingang genähert – eine Unvorsichtigkeit, die ihn das Leben kostete. Der Vorfall blieb auf der Straße nicht unbemerkt, das Überfallkommando war in wenigen Minuten zur Stelle und forderte die Rebellen zur Übergabe auf. Diese Bitte wurde abschlägig beschieden, die erstaunten Polizeibeamten wurden mit einer Flut griechischer und lateinischer Spottverse überschüttet. Ein Polizeioffizier mit Gymnasialbildung gab den ersten Schuß, die Studenten ließen das Feuer nicht unerwidert, und bald entspann sich ein regelrechtes Gefecht.

Herrn Strich konnte das draußen einsetzende Geplänkel nicht aus dem Konzept bringen; man hatte damit gerechnet. Mit gelassener Stimme verlas er seinen bedeutenden Aufsatz, ohne eine einzige Fußnote zu übergehen. Im Begriff, das Fazit seiner Betrachtungen zu ziehen, wurde er allerdings von einer Kugel getroffen. Seine Revolution müssen wir tragisch nennen – dies besonders, weil keines seiner Worte je in den Äther drang. Ein geistesgegenwärtiger Operateur hatte, als die Verschwörer das Funkhaus betraten, die Wellenverbindung zum Sendeturm durch einen Hebelgriff unterbrochen. Die Strichsche Arbeit wurde der Mitwelt somit nicht bekannt, und die Erhellung der Dichterpersönlichkeit O.’s muß späteren philologischen Nachforschungen vorbehalten bleiben.