Was würde wohl ein deutscher Importeur sagen, wenn er in dem Brief seines ausländischen Geschäftspartners lesen würde: „Wir würden uns freuen, wenn wir Sie gelegentlich der Messe in X. zur Besichtigung der neuesten ‚Hinrichtungen‘ unserer bewährten Modelle begrüßen könnten?“ Das Kopfschütteln darüber wäre vermutlich nicht geringer als über die Mitteilung eines anderen Exporteurs, er vertreibe jetzt auch die „Schwindsuchtsgüter“ der bekannten Firma Y. Ebenso verständnislos dürfte er ebenfalls auf ein Angebot aus dem Ausland reagieren, einen „Prozeß“ mit den jüngsten Produkten der Z-Werke zu machen.

Diese zumindest unsinnig erscheinenden Sätze sind nicht etwa surrealistische Sprachschöpfungen, sondern wörtliche Übersetzungen aus Prospekten, mit denen 1955 bekannte deutsche Firmen im englischsprachigen Ausland für ihre Erzeugnisse werben. Sie ließen sich um zahlreiche Beispiele auch in anderen Weltsprachen vermehren. Im ersten Falle handelt es sich nicht um die Vollstreckung von Todesurteilen („executions“) an bewährten Modellen, sondern um neue Ausführungen, für die in der englischsprachigen Welt die Vokabel „arrangements“ üblich ist. Erzeugnisse der Firma Y. leiden nicht unter Auszehrung („consumptions“), sondern sind Verbrauchsgüter, für die sich im Englischen der Begriff „consumer goods“ eingebürgert hat. Und statt der gerichtlichen Untersuchung („trial“) ist schließlich eine Probe oder gründliche Prüfung gemeint, für die sich auch bei uns der „fest“ eingebürgert hat...

Es bleibe dahingestellt, ob man derartige Formulierungen nur als stilistische Ungeschicklichkeiten oder als grobe Sprachsünden ansehen soll – auf keinen Fall dürften sie den Zweck erfüllen, zu dem sie in die Welt gesetzt wurden: nämlich zu werben. Man hat den Eindruck, als habe sich hier ein Schüler, der gerade in die Anfangsgründe der ersten Fremdsprache eindringt, mit Hilfe eines billigen Taschenlexikons der Aufgabe entledigt, eine deutschsprachige Schrift wortgetreu in das Englische zu übersetzen. Sind solche Entgleisungen auch nicht entschuldbar, so sind sie doch noch mit der ungenügenden Kenntnis der fremden Sprache erklärbar. Bei einer Ware aber, die „nicht nur in Deutschland, sondern auch im Ausland Weltruf genießt“, sollte der Wert nicht durch Formulierungen aufs Spiel gesetzt werden, die auf den ersten Blick die Gedankenlosigkeit und Unlogik ihres Herstellers verraten. Wer achtlos darüber hinweggeht, daß im Deutschen gewisse Präpositionen zweierlei völlig unterschiedliche Bedeutungen haben, sollte sich nicht. wundern, wenn er seinem Partner in England oder Nordamerika „durch seinen Brief hindurch“ („through his letter“) körperliches Unbehagen bereitet, das er durch die Verwendung von „by“ hätte vermeiden können.

Aber nicht nur an solchen sprachlichen Fehlgriffen krankt oft die Prospektwerbung deutscher Firmen im Ausland. Wenn eines der bedeutendsten deutschen Messeämter in einer umfangreichen Werbeschrift für eine große internationale Ausstellung zwar auf vieles hinweist, was mit diesem Ereignis kaum etwas zu tun hat, es aber dem Leser überläßt, auf der vorletzten Seite das klein und unauffällig gedruckte Veranstaltungsdatum zufällig oder gar nicht zu entdecken, so grenzt dies schon an Unhöflichkeit, ganz zu schweigen von der Unkenntnis jeglicher Kundenpsychologie, Eine Zumutung ist es auch, dem nicht mit dem metrischen System vertrauten Ausländer die Umrechnung in landesübliche Maße und Gewichte zu überlassen. Viel zu häufig glaubt man sich noch immer mit einfarbigem Druck und schlechtem Papier begnügen zu können, und nicht selten herrscht offenbar die Ansicht, die Werbekraft einer bedruckten Seite sei um so größer, je mehr Text und Bilder und je weniger freie Stellen sie aufweise.

Nicht jedes am Export beteiligte Unternehmen wird sich ständig einen versierten und spezialisierten Übersetzer oder Werbefachmann leisten können. Aber zahlreiche Wirtschaftsorganisationen, an der Spitze die Industrie- und Handelskammern können jederzeit geeignete und erfahrene Spezialisten nachweisen, deren Unkosten sich bezahlt machen. Dort sind im allgemeinen auch ausländische Werbeschriften für Vergleichszwecke vorhanden, die getrost als Vorbilder und zur Einführung in die Mentalität fremder Völker dienen können. Da eine wachsende Ausfuhr für Deutschland eine Lebensfrage ist, wäre zu überlegen, wie sich ein Teil der Bundesmittel zur Exportförderung für eine Art Selbstkontrolle der deutschen Ausfuhrwerbung abzweigen ließe. Hier kann mit verhältnismäßig geringfügigen Aufwendungen eine notwendige und lohnende Arbeit geleistet werden. Unterbleibt sie, so wird mancher Ausfuhrinteressent Zeuge der „Hinrichtung“ seiner Bemühungen werden. Zu seinem eigenen und zu unser aller Schaden. G. G.