hm. Besançon, im August

Natürlich gibt es immer Leute, die ironische Bemerkungen darüber machen, daß fast überall in Frankreich Weinstöcke stehen. Dafür kann doch dieses liebenswerte Land nichts, daß auf gut Dreiviertel seines Bodens diese sympathische Pflanze so gut gedeiht. Eine der berühmtesten Weingegenden ist das Gebiet von Burgund, Franche Comte und Jura. Eigentlich ist die ganze Landschaft anschwellender und abfallender Hügelketten von der Loire, nördlich der Rhone, rechts und links der Saöne ein einziges Sonnen- und Weinland, ein einziger Weinkeller, eine einzige Trinkstube. Eine der Zugstraßen der Völker liegt hier, wo es ein paar Dutzend Kilometer weiter zur Burgundischen Pforte geht.

Wer etwas davon versteht, für den ist es verlockend, nach der Ankunft zunächst einmal eine Weinkarte in die Hand zu nehmen und Namen wie Beaune, Macon, Meurseult, Pouilly, Fleurie zu lesen, die häufig zugleich die Ortsnamen sind. Nicht jeder kennt den Unterschied von gourmand und gourmet. Hier ist beides erlaubt, man darf hier zechen, und man liebt hier die freudigen Esser, die Burgunder haben dafür jedes Verständnis.

Die Landstraßen sind musterhaft in Ordnung, und das Netz ist dicht – auch hier sind alle Kilometersteine „don de michelin“, aus dem Lava und Tuff der Auvergne –, aber wenn man irgendwo in Frankreich raten soll, lieber nicht zu fahren, sondern zu wandern, dann hier. Denn hier ist überall an den Wegen das Rasten besonders verlockend, man kann sich stärken, und man kann zechen. Hier wird niemand Trunkenbold gescholten, wenn er mit seinen Leistungen prahlt. Wer könnte widerstehen, hier die verhältnismäßig preiswerten Austern zu essen und dazu Pouilly zu trinken, diesen Wein, den der trockenste Kalkstein hervorbrachte und der eine Krönung der Kellereien von Macon ist.

Die Geschichte der meisten Städte reicht zurück über die römische Zeit bis ins keltische Gallien. Erhaltene Zeugen in Stein werden von den Franzosen, die auch ihre Vergangenheit lieben, gepflegt und erhalten. Daneben stehen, wie überall, Scheußlichkeiten, die in späteren Jahrhunderten gebaut wurden. In Dijon sind die Kneipen und Garküchen kaum zu zählen. In manchem der oft schmalbrüstigen Häuser liegen zwei eng nebeneinander – und vertragen sich. Sie tauschen sogar Rezepte aus, und die Tische und Stühle auf der Straße vermischen sich mit denen des eher confrère, ohne daß sich jemand daran stößt. Der Franzose dieser Gegend ist der große Erfinder der Nachbarschaft, die für ihn die Grundlage seiner Lebensart ist. Der Krieg hat diese Landschaft, die eine bewegte Vergangenheit und Geschichte hat, diesmal verschont. Wer in der Franche Comté, in Burgund und im Jura Ruhe sucht, findet sie überall!

Jeder Weinname ein neuer, bezaubernder Ort: Chambertin, Nuits St. George, Pommard, Volny, aber auch Nantua sind weitere Etappen auf einer gastronomischen Entdeckerfahrt, die auch in den größeren Städten Besançon, Pontarlier, Dôle, Beaume les Dames nicht aufhört, denn dort sind es nur mehr Lokale, die man überprüfen muß. Diese Gegend ist noch nicht so industrialisiert wie Frankreichs Norden, wie das Zentrum und der Westen. Der Weinbauer ist noch der beherrschende Typ. Seine Abgeklärtheit macht ihn zu einem liebenswürdigen Wirt.