Von Jef Last

Indonesien wird am 29. September, zum erstenmal in der Geschichte der kaum ein Jahrzehnt alten Republik, Parlamentswahlen abhalten. Zwei Jahre lang hatte die Regierung Sastroamidjojo – eine Koalition aus Nationalisten, Kommunisten und einigen anderen Parteien – Zeit, die Bevölkerung zu beeinflussen, bis eine Revolte der Armee sie zum Rücktritt zwang. Der neue Premierminister Burhanuddin Harahap ist Führer der größten indonesischen Gruppe, der gemäßigten Moslem-Partei Masjumi. Seiner Regierung gehören zwölf Parteien, jedoch nicht die nationalistische und kommunistische an. Man fragt sich, ob es der neuen Koalition in den kurzen Wochen bis zur Wahl noch gelingen wird, ihren Einfluß auf die Wähler geltend zu machen. Wir haben den Holländer Jef Last, den großen Idealisten, der in wahrhaft souveräner Weise den Indonesiern auf ihrem Wege zur Unabhängigkeit beistand, gebeten, uns eine Analyse der Lage zu geben. Jef Last, der Schriftsteller, Dichter, Gründer der ersten Widerstandszeitung, der einstige Matrose und spätere Sinologe, der ein gründlicher Kenner Indonesiens ist, schreibt:

Indonesien ist noch immer ein Problem, aber es wäre eine maßlose Übertreibung, das Land, wie der Readers Digest es kürzlich tat, als „Asiens schlimmstes Sorgenkind“ zu bezeichnen. Gewiß, in diesem Reich der dreitausend Inseln – das sich, mit seinen 75 Millionen Einwohnern über mehrere tausend Kilometer erstreckt – gibt es Unruheherde, aber nur in den entlegenen Gebieten. Man kann mit dem Zug oder dem Auto ohne jede Gefahr von der Mitte Sumatras bis zum äußersten Osten Javas fahren, und in den Großstädten ist die Sicherheit auch nachts nicht geringer als in München oder Hamburg.

Es gibt zwar Korruption, aber sie ist nicht zu vergleichen mit der in Mexiko, Spanien und den arabischen Staaten. Es gibt einen Rückgang der Arbeitsproduktivität auf Plantagen und in ausländischen Fabriken, aber was viel entscheidender ist, die Reisproduktion wurde so weit gesteigert, daß Indonesien sich heute selbst ernährt. Es gibt einen Rückgang des Niveaus der höheren Lehranstalten, aber dem steht eine gewaltige Ausdehnung des Volksschulunterrichts gegenüber. Es gibt politische Prozesse gegen Holländer, die die Rechtssicherheit gefährden, aber sie sind nicht mit denen der totalitären Staaten zu vergleichen.

Vor allem aber gibt es auch viel Erfreuliches: die groß angelegte Landgewinnung in Borneo, die energisch betriebene Umsiedlung von Java nach den Lampongs, die erstaunliche Verbesserung des Bahnverkehrs, den Bau neuer Städte und Häfen, ein unerhört reges geistiges Leben und – besonders in der Malerei – eine ganz neue, bedeutende Künstlergeneration. Und, was wohl das wichtigste ist, die Freiheit der Kritik und der Presse geht soweit, daß man bei der geringen Bildung vieler Journalisten eher eine Beschränkung als eine Erweiterung wünschen möchte.

Vergleicht man die jetzige Lage in Indonesien mit dem, was die Holländer für den Fall der Selbständigkeit dieses „unreifen“ Volkes voraussagten, so darf man sich ehrlich freuen. Es ist den völlig ungeschulten, meist im Gefängnis oder im Konzentrationslager aufgewachsenen jungen Nationalisten bisher gelungen, in einem Gebiet, das auf der Nahtlinie der amerikanischen, chinesischen und indischen Einflußsphäre liegt, den Staatswagen im Gleichgewicht zu halten und eine wirklich tiefgehende Krise zu vermeiden. Schließlich hatte das von der japanischen Besatzung ausgepowerte Land, das schon am 17. August 1945 seine Unabhängigkeit proklamierte, auch noch zwei große Militäraktionen und einen kommunistischen Aufstand zu überstehen, ehe endlich 1949 der Friede geschlossen wurde. Ohne Flotte und ohne ein richtiges Heer mußte die Ordnung in diesem wirtschaftlich zerrütteten Riesenreich wiederhergestellt werden, das allein durch seinen erschreckenden Bevölkerungszuwachs jede Regierung vor fast unlösbare Aufgaben stellt.

Die Bewaffnung der Massen und die Taktik der verbrannten Erde, zu der das Vorgehen der Niederländer die Indonesier zwang, hinterließen als Erbe nicht nur bewaffnete Gruppen, die bald zu Räuberbanden ausarteten, sondern auch die große Masse der jungen „Sieger“, die Pemudas, die als Helden des Widerstandes bedeutende Posten im Heere, in der Verwaltung und in der Polizei beanspruchten. Während die alte Garde der Kolonialverwaltung meist durch die Zusammenarbeit mit den Niederländern als kompromittiert galt, kamen nicht nur junge, extremistische Idealisten, sondern auch Abenteurer auf Posten, für die ihnen, weil sie anstatt zur Schule zu gehen im Dschungel gekämpft hatten, die Erfahrung fehlte.