Als am 28. Oktober 1940 italienische Truppen die albanisch-griechische Grenze überschritten, wurde das neutrale Griechenland beinahe beiläufig in den deutsch-italienischen Eroberungszug einbezogen. Das kleine Balkanland verteidigte sich fünf Monate lang nicht nur erfolgreich, sondern trug den Krieg auch auf albanisches Gebiet vor, bis Hitler, um die lädierte Waffenehre Mussolinis zu retten, sich entschloß, „eine allgemeine Bereirigung der militärischen Lage in diesem Gebiet“ herbeizuführen. Die „Bereinigung“ begann am 6. April 1941 und endete am 23. April mit der griechischen Kapitulation.

Ein Versuch, die Fäden des Netzes zu entwirren, in dem Griechenland, mitten im Spannungsfeld der Interessen der Alliierten und der Achsenmächte gelegen, sich verfangen müßte, liegt nun vor:

Ehrengard Schramm von Thadden: „Griechenland und die Großmächte im zweiten Weltkrieg“, Franz Steiner Verlag zweiten Wiesbaden, 244 Seiten, 16,– DM.

Die Autorin hat zur Behandlung ihres Themas alles zugängliche Quellenmaterial benutzt. So entstand ein außerordentlich detaillierter und doch stets lesbarer Beitrag über einen in der Geschichtsschreibung bisher kaum beachteten Abschnitt des vergangenen Krieges. Die Quintessenz der Studie ist in dem Satz enthalten, den der griechische Presseattache in Berlin der Autorin im Jahre 1939 sagte: „Deutschland wird wegen Danzig einen Krieg anfangen, und wir, die kleinen Mächte, werden in ihn hineingezogen werden und werden ihn ebenso bezahlen müssen wie die Großen. Ob wir uns so benehmen oder so, das bleibt sich völlig gleich ...“ Besonders interessant ist die Darstellung des gespannten Verhältnisses zwischen Italien und Deutschland, das dazu führte, daß drei verschiedene Waffenstillstandsabkommen unterzeichnet werden mußten und daß der deutsche Oberbefehlshaber an dieser Front, Feldmarschall List, sich weigerte, das von den Italienern praktisch erpreßte dritte Abkommen zu unterzeichnen. Das geradezu operettenhafte Gebaren der Italiener sowohl auf diplomatischem als auch auf militärischem Gebiet ist selten, so schonungslos dargestellt worden, und es wäre rückblickend nur komisch, wenn es sich nicht um einen Krieg und um die Vergewaltigung eines kleinen neutralen Landes gehandelt hätte.

In einer Nachkriegszeit, in der sich alle Größenmaßstäbe so merklich verschoben haben und in der Begriffe wie „Neutralität“ und „Neutralisierung“ ihre Bedeutung zu verlieren drohen, stimmt diese Studie über das Schicksal eines kleinen neutralen Landes, das auf Grund seiner geographischen Lage die Einbeziehung in den Konflikt der Großmächte nicht vermeiden konnte, besonders nachdenklich.

mr.