Den eigenen Stil finden – Balenciagas Tunika wurde Mode von morgen

Von Katharina Elisabeth Russell

Paris, 1. September

Ein schönes Gesicht ist eine Gabe des Himmels, gut angezogen sein ist eine Errungenschaft, die erarbeitet sein will. Denn es hängt nicht, wie Zyniker behaupten, nur vom Geldbeutel ab, sondern stellt fortlaufende Anforderungen an den Charakter der Frau, an Beharrlichkeit, Opferwilligkeit, Unterscheidungsvermögen, Anpassungsfähigkeit und Selbstkritik. Wenn man von einer Frau sagt, daß sie gut angezogen sei, so bedeutet dies, daß sie es versteht, die Eigenheiten ihrer Erscheinung, nämlich ihrer Figur, ihres Gesichts, ihrer Bewegungen und ihres Temperaments in Einklang mit einer der herrschenden Modeströmungen zu bringen. Wenn es ihr gelingt, aus beiden das Maximum an ästhetischen Werten herauszuschälen und zu vereinen, wenn sie es fertigbringt, daß ihre Persönlichkeit mit dem Anzug, und alle seine Teile miteinander, harmonieren, hat sie die Vorstufe der Eleganz, das Gutangezogensein, erreicht.

Eleganz ist ein Begriff, der sich nicht ohne weiteres definieren läßt: sein rationell nicht restlos zu lösender Gehalt wird in Frankreich, das seit Jahrhunderten der Eleganz auf allen Gebieten des Lebens und der Kunst mehr Zeit, Liebe und Sorgfalt widmet, oft mit den Worten „Je ne suis quoi“ umschrieben. Es gibt eine Eleganz des Schreibens und der Rede, des Wohnens und des Anzugs, und wo immer sie sich manifestiert, ist sie der Zenit des guten Geschmacks, von vielen erstrebt, von wenigen erreicht: sie ist eine Art zu leben, bei der durch die äußeren Erscheinungsformen der Kern einer individuellen Persönlichkeit hindurchschimmert.

Es ist überflüssig, sich darüber auszulassen was es für die moderne Frau bedeutet, gut angezogen zu sein: das Gefühl, daß sie äußerlich nicht das darstellt, was sie ist oder sein möchte, gibt ihr ein Gefühl des Unbehagens, des Gehemmtseins, ja sogar der Zweitrangigkeit. Das „richtige Kleid“ kann wesentlich für das physische und seelische Wohlbehagen der Frau sein. Die Mode von heute bietet der Suchenden eine Auswahl von Stilarten. Die sooft gemachte Bemerkung: „... Obwohl ich mich überall umgesehen habe, kann ich doch nicht das Richtige finden...“ ist charakteristisch für die Frau, die ihres eigenen Stils nicht sicher ist und daher nicht weiß, was sie wählen soll. Wem sie dann schließlich aus Verlegenheit oder des Suchens müde, das kauft, was sie eigentlich „gar nicht wollte“, stellt sich ein Gefühl von „Falsd-Etikettiertsein“ ein. Aus diesem Zustand des ästhetischen Unerfülltseins kann es zu seelischen Gleichgewichtsstörungen kommen, von denen nur in Gestalt einer hilfsbereiten Mödeberaterin oder einer überdurchschnittlichen verständnisvollen Verkäuferin erlösen lassen können.

Allzuoft läßt sich die Frau vom Schlagwort des dernier cri bei ihren Neuanschaffungen verleiten und vergißt dabei, daß die Haute Couture zwar modische Trends vorschlägt, aber nicht diktiert. Es gibt keinen „Modehimmel“, in dem unfehlbare Haute-Couture-Götter ein festumrissenes Modebild kreieren, und der Slogan „Paris diktiert“ hat sich gründlich überlebt. Er stammte übrigens nicht aus Paris, wo man grundsätzlich bestrebt ist, jede Frau individuell anzuziehen und wohl weiß, daß sich die Vielheit der weiblichen Erscheinungen nicht in eine starre Formel pressen läßt. Als die kurzen Dior-Röcke vor einigen Saisons das Kopfschütteln der Welt erregten, und eine Frau Monsieur Dior fragte, was sie, die kurze und nicht gerade ideale Beine habe, denn nun machen solle, gab er die lakonische Antwort: .. Jede Frau soll nur das tragen, was sie kleidet... Wählen Sie einen längeren Rock!“