Geheimdiplomatie hat auch ihre Gefahren

Als König Saud I. im vorigen Jahr in Karatschi, der pakistanischen Hauptstadt, Staatsbesuch machte, wurden mehrere Stockwerke in dem riesigen internationalen Hotel evakuiert (ich weiß es, weil ich selber ausziehen mußte), denn er brachte nicht nur etwa zwanzig Prinzen mit, sondern auch ein riesiges Gefolge von Ministern, Dienern und sogar Musikanten. Daran mußte ich denken, als ich las, daß dem Flugzeug des Kanzlers ein Sonderzug mit etwa hundert Experten, Beratern, Übersetzern und Angestellten folgen werde – zwei Tage und zwei Nächte durch die östlichen Weiten rollend. Diese Reise hat in der Tat etwas Orientalisches. Unwillkürlich tauchen Bilder vor einem auf, wie sie zuweilen auf mittelalterlichen Wandteppichen zu sehen sind, darstellend den Besuch des Chan von Kasan beim Groß-Chan der Goldenen Horde ...

Viele Leute halten die diplomatischen Verhandlungen dieser Dimension für zwecklos. Erst neulich zitierte mir ein Diplomat der alten Schule den französischen Botschafter Cambon (den Meister dieser Geheimkunst): "An dem Tag, an dem die Geheimhaltung abgeschafft wird, werden Verhandlungen jeder Art unmöglich werden." "Denken Sie", fügte er hinzu, "an alle Konferenzen von Potsdam bis Genf –: sie alle waren zwecklos. Bei ihnen allen wußte man schon zuvor, was für Reden an die Völker nah und fern gehalten würden."

Das ist zweifellos ein wohlbegründetes Argument. Doch könnte man auch umgekehrt argumentieren und sagen: Das Wichtigste ist ja gerade, zu wissen, was gesprochen wurde, zu wissen, daß keine Geheimabkommen abgeschlossen, also niemand heimlich verkauft, geschlachtet oder geteilt wurde. Wie gefährlich Geheimkonferenzen sind, erfährt man ja nur dann, wenn, wie im Fall der Jalta-Konferenz, die Dokumente später – sehr zum Ärger mancher Beteiligten – veröffentlicht werden. In Jalta beispielsweise bot Roosevelt hinter Churchills Rücken Stalin die Mitwirkung an einer Treuhänderschaft über Korea an (England sollte nach seinem Vorschlag ausgeschlossen werden). Hinter Tschiangs Rücken räumten Roosevelt und Churchill den Sowjets "pre-eminent rights" in der Mongolei und in der Mandschurei ein, obgleich sie vierzehn Monate zuvor auf der Konferenz von Kairo die Rückgabe der Mandschurei und aller Gebiete, die "die Japaner gestohlen haben", Tschiang versprochen hatten.

Admiral Leahy, der presidential chief of staff, verwahrte die amerikanische Ausgabe des Geheimabkommens im Weißen Haus so gut, daß James Byrnes noch sechs Monate, nachdem er im Juli 1945 Außenminister geworden war, ernsthaft der Meinung war, ein solches Abkommen gäbe es gar nicht. Hätten die westlichen Vertragschließenden in Jalta mit deröffentlichen Meinungrechnen müssen, so wären sie gewiß der hochgestimmten Ideale der Atlantik-Charta besser eingedenk gewesen. Unter Ausschluß der Öffentlichkeit aber waren ihre Sorgen angesichts der Preisgabe von Polen an Sowjetrußland nicht sonderlich groß. Alles, was Roosevelt sagte, war: "Es gibt sechs oder sieben Millionen Polen in Amerika ... es würde für mich innenpolitisch leichter werden, wenn die sowjetische Regierung irgend etwas an Polen geben könnte." Und Churchill, den das Gewissen plagte, weil man beschlossen hatte, die Londoner polnische Exilregierung zugunsten der Lubliner kommunistischen Polen fallenzulassen, meinte nur: "Ich muß aber in der Lage sein, im Parlament zu versichern, daß die Wahlen in fairer Weise abgehalten werden."

Am Vorabend einer Kette von internationalen Konferenzen ist es durchaus wichtig, sich Gedanken über die Vorzüge und Nachteile der geheimen und der öffentlichen Diplomatie zu machen. Harold Nicolson, ein überzeugter Anhänger der Geheimdiplomatie, erinnert in seinem Buch "Diplomacy" an die englisch-russische Konvention von 1907. "Die Verhandlungen", schreibt er, "zwischen dem russischen Außenminister und unserem Botschafter in St. Petersburg umfaßten eine Periode von einem Jahr und drei Monaten; und in keinem Stadium wurde eine Indiskretion begangen oder das Vertrauen mißbraucht."

Gewiß, 1907 war das noch möglich. Von Richelieu bis zum ersten Weltkrieg galten in der internationalen Diplomatie die gleiche! Spielregeln. Alle Angehörigen dieser Zunft standen in derselben Tradition, sprachen die gleiche Sprache, glaubten an die gleichen Ideale und das gleiche Protokoll. Seit Stalin und Hitler ist das anders geworden. Hitler empfand das sehr deutlich und verfolgte darum die Diplomaten gewissermaßen als "überstaatliche Macht" mit seinem Hahn und seiner Nichtachtung. Heute sind sich zwar alle Nationen noch der Tatsache bewußt, daß es sich bei der Diplomatie um eine Art von Ballspiel handelt, aber während die einen Tennis spielen, frönen die anderen dem sehr viel massiveren Fußballsport.