Von W. O. Reichelt

Anfang September wird das Kleine Wirtschaftskabinett unter Leitung von Vizekanzler Blücher zusammentreten, um mit Repräsentanten der Deutschen Angestellten-Gewerkschaft und des Deutschen Gewerkschaftsbundes die Gesamtentwicklung auf dem Lohn- und Preisgebiet zu erörtern. Anschließend soll das gleiche Thema mit Vertretern von Industrie, Handwerk und Handel besprochen werden. Für September und Oktober sind intensive neue Lohnbewegungen zu erwarten, nachdem bereits die letzten Monate übernormal viele Tarifkündigungen gebracht hatten. Regierung und Wirtschaft werden durch die jüngste Aktivität der Gewerkschaften in eine Situation hineinmanövriert, die für die gesamte Bevölkerung schwerwiegende Folgen heraufbeschwören kann.

Die Pressestelle des Deutschen Gewerkschaftsbundes hat eine aufschlußreiche Zusammenstellung über die Tariflohn- und Tarifgehaltsbewegungen in den letzten Monaten verfaßt. Danach wurden im Bundesgebiet und Westberlin im Mai und Juni 1955 von den Gewerkschaften für rund 450 200 Beschäftigte die Tarifverträge gekündigt. Der größte Teil entfiel auf die verarbeitende Industrie. Im Schnitt beläuft sich die Höhe der Forderung auf 10,3 v. H. In der gleichen Zeit wurden 194 Lohn- und Gehaltstarifverträge für über 790 000 Beschäftigte neu abgeschlossen, davon für 568 000 Beschäftigte der verarbeitenden Industrie. Hier brachten die neuen Verträge im Durchschnitt eine Erhöhung von 5,2 v. H. für Arbeiter und Angestellte. Gleichzeitig wurden in einer Vielzahl von Einzelabmachungen bisherige Abschläge für Frauenlöhne entweder beseitigt oder (durch Minderung) ein Heranführen der Frauen an die männlichen Tariflöhne ermöglicht.

Ende Juni 1955 liefen noch für ungefähr 650 000 Beschäftigte Tarif- und Lohnverhandlungen. Im Juli wurden weitere Kündigungen von Tarifen ausgesprochen. Darunter befindet sich die Industriegewerkschaft Metall von Baden-Württemberg für 300 000 Beschäftigte, die Gewerkschaft der Eisenbahner Deutschlands für 290 000 Arbeiter, die Gewerkschaft öffentliche Dienste, Transport und Verkehr für 1,4 Millionen Beschäftigte in Bund, Ländern, Kommunen und Sozialversicherungsträgern und ferner die Industriegewerkschaft Bau, Steine und Erden für Niedersachsen- und Nordmark für rund 10 000 Beschäftigte.

Die Addition dieser Zahlen ergib: – Überschneidungen abgerechnet – eine Zahl von 3,5 Millionen bei 18 Millionen Gesamtbeschäftigten in der deutschen Wirtschaft. Aber das bedeutet noch keinen Endpunkt, sondern in mancherlei Hinsicht erst einen Anfang. Die Gewerkschaften haben zugleich bei allen Lohnverhandlungen die Frage der Arbeitszeit angeschnitten und streben den 40-Stundentag an. Es ist jedoch festzustellen, daß kaum jemand einen echten Rückgang der Arbeitszeit von zur Zeit 45 bis 54 Stunden (54 Stunden z. B. in der Eisen- und Stahlindustrie) auf 40 Stunden beabsichtigt. Es soll damit lediglich eine neue und ganz erhebliche Lohnerhöhung getarnt werden, da mit der Arbeitszeitverkürzung voller Lohnausgleich gefordert wird. Zugleich wird die Berechnung der Überstunden von 48 auf Stunden vorverlegt, also eine weitere Lohnerhöhung versucht.

Die Gewerkschaften nehmen offenbar für sich in Anspruch, das gesamte Ausmaß der Konjunkturgewinne der Gegenwart durch erhöhte Löhne abzuschöpfen. Über diese Forderung kann durchaus gestritten werden. Wer aber dieser Forderung unumwunden zustimmt, der muß auch die vertraglich festgelegte Zusicherung geben, daß Hand in Hand mit einem eventuellen Konjunkturrückgang ein gleich entsprechender Abbau der Löhne erfolgen kann. Dessenungeachtet halten wir die Gewerkschaftsforderungen für erheblich überspitzt; denn ein wesentlicher Anteil an Konjunkturgewinnen gehört in die Reserven der Unternehmen, weil diese Reserven das Polster für die Krisen sein müssen.

Die Begründung der Lohnforderungen ist gegenwärtig eine andere als noch im vergangenen Jahr oder die Jahre davor. Damals wurde auf die Preiserhöhungen, vor allem zur Koreazeit, hingewiesen. Jetzt spricht man von den Gewinnen, die die Unternehmen machen. Die Gewerkschaften wissen sehr wohl, daß die Lohnquote, also der echte Anteil der Arbeitseinkommen am Volkseinkommen, in den letzten Jahren beträchtlich gestiegen ist und daß die Produktivitätsquote mit diesem Aufwärtstempo nicht mithielt, also zurückblieb. Unseres Erachtens sollte das relative Zurückbleiben der Produktivitätsrate bei der allgemeinen Lohndebatte stärker als bisher berücksichtigt werden. Wenn man für die Gesamtproduktivität das Jahr 1949 als Basis gleich 100 nimmt, so ist diese bis Ende 1954 auf 132 gestiegen. Die Bruttolohn- und Bruttogehaltssumme je beschäftigten Arbeitnehmer hat in der gleichen Zeit die Zahl von 148 erreicht. Die Arbeitseinkommen haben also in der Gesamtwirtschaft den Anstieg der Gesamtproduktivität überbieten können, sie sind sozusagen vorausgelaufen. Die Haltung der Gewerkschaften ist also weniger aus wirtschaftlichen Vorgängen heraus zu begründen, dafür offensichtlich wesentlich stärker aus politischen Erwägungen herzuleiten.

In diesem Zusammenhang sei auf eine Bemerkung der Arbeitsgemeinschaft Wirtschaftswissenschaftlicher Forschungsinstitute hingewiesen, die in dem kürzlich veröffentlichten Konjunkturbericht zu lesen war. Dort heißt es: „Bei dem Expansionsdrang der vollbeschäftigten Wirtschaft wird für den weiteren Preisverlauf letzten Endes die Entwicklung der Löhne entscheidend sein. Schöpfen die Lohnerhöhungen, die sich wegen der Verknappung der Arbeitskräfte nunmehr leichter als bisher durchsetzen können, den durchschnittlichen Produktivitätsfortschritt voll aus oder eskomptieren sie gar künftige Fortschritte, so besteht die Gefahr, daß dies zu einer erneuten, diesmal dann preisbedingten Erhitzung des konjunkturellen Klimas führt. Die Gefahr liegt vor allem darin, daß sich unter diesen Umständen die Kosten- und Preissteigerungen, die sich notwendigerweise in den Wirtschaftszweigen mit relativ geringen Produktivitätsfortschritten ergeben, auf das gesamte Preisniveau übertragen.“