Einige Fragen, beantwortet von R. Walter

Gibt es wirklich Leute, die ihre Ferien eingehüllt in englische Nebel verbringen wollen? Deutsche drängen nach dem Süden – das ist nicht nur eine historische Tendenz, von der die Geschichtslehrer erzählen, das ist auch eine große Mode; England liegt also in der falschen Richtung. Deutsche haben eine Vorliebe für gutes und reichliches Essen, sagt man; und selbst einem bescheidenen und anglophilen Magen könnte man es nicht verdenken, wenn er vor dem Ruf der englischen Küche zurückschreckt.

Und doch zeigen die Statistiken: Jeder zehnte Besucher, der nach England kommt, ist ein Deutscher. Ein paar von ihnen sind Geschäftsreisende auf der Suche nach Kunden, ein paar sindPolitiker auf der Suche nach demokratischen Traditionen. Ein paar Schwiegermütter werden von englisch verheirateten Töchtern eingeladen. Aber neben allen diesen professionellen und semi-professiorellen Besuchern gibt es auch schon Tausende von „echten“ Feriengästen. Die Stadt Worthing, an der Küste der Grafschaft Sussex, konnte sich zum Beispiel schon ganz auf Besucher aus Deutschland einstellen, nachdem sie mit einer westdeutschen Reisegesellschaft besondere Vereinbarungen getroffen hatte. Vieles deutet darauf hin, daß deutsche Feriengäste in England vielleicht bald ebenso dominierend sein werden wie englische Feriengäste in Deutschland.

Was kostet eine Ferienreise nach England? In England existieren ist billig; in England leben ist teuer; in England gut leben ist – das sei anderslautenden Gerüchten gegenüber betont – möglich, aber sehr kostspielig. Wer zwanzig Pfund zunehmen, oder sich in ein vergnügtes Nachtleben stürzen will, findet anderswo bessere und vor allem billigere Möglichkeiten. Ein paar Anhaltspunkte: Fahrt (Bahn und Schiff, etwa Hamburg und zurück): 150 DM; Unterkunft in Durchschnittshotels: 12 DM; drei Mahlzeiten pro Tag: 10 DM Bei sehr bescheidenen Ansprüchen kann man das alles (außer der Fahrt natürlich) halbieren, bei verwöhnten Ansprüchen muß man es mindestens verdoppeln.

Wohin sollte man in „England“ fahren? Der Reisende kann sich manche Enttäuschung ersparen, wenn er sich von vornherein klar macht: England im kontinentalen Sprachgebrauch ist viel größer als England, wie es die Engländer verstehen. London besuchen, nach England fahren und Schottland oder Irland besichtigen – das ist nicht eine Ferienreise, das sind drei oder vier Ferienreisen. Es ist erstaunlich, wieviele Leute es erstaunlich finden zu erfahren, daß der „kleine Abstecher nach Schottland“, den sie sich vorgenommen hatten, ein gutes Stück weiter ist als der Weg von Norddeutschland nach London. Für die erste Englandreise wäre, wo nicht besondere Gründe vorliegen, Beschränkung auf den englischen Süden, auf das eigentliche England zu empfehlen. Es ist natürlich möglich, London, England, Wales, Schottland, Nord- und Südirland in drei Wochen zu erledigen. Dazu genügen ein widerstandsfähiges Auto, eine unverwüstliche Gesundheit, ein Bündel Banknoten und ein Baedeker zum Abhaken der absolvierten Sehenswürdigkeiten.

Ist das englische Wetter wirklich so schlecht? Nein. Regen gibt es nicht mehr als in Norddeutschland auch. Strahlender Sonnenschein ist gar nicht so selten, besonders in diesem sonnenreichen Jahr. An der Südküste (Hampshire, Dorset, Devon und vor allem Cornwall) mit ihrem beinahe subtropischen Klima kann man tatsächlich unter Palmen wandeln. Einschränkend drei Beobachtungen, denen das englische Wetter wohl seinen Ruf verdankt: Es ist fast immer windig. Es neigt zu unvorhersehbaren Wechseln, so daß es selten ein Grund zum Triumphieren ist, wenn frühmorgens die Sonne scheint. Über großen Industriestädten (zu denen vor allem auch London gehört) lagert zuweilen eine verfinsternde Rußwolkenschicht, die manchmal als schmutzig gelber Nebel niedersinkt und mitten am Tage Nacht werden läßt – was allerdings in der Regel nur im Spätherbst und Winter geschieht.

Empfiehlt es sich, mit Auto nach England zu fahren? Ja! 100 DM sind für das Übersetzen des Wagens (hin und zurück) notwendig. Außerdem empfiehlt es sich, Gastmitglied im britischen Automobilklub zu werden, um bei Pannen, Unfällen, unvorhergesehenen Schwierigkeiten aller Art jemanden zu haben, der einem hilft (Adresse: Automobile Association, Fanum house, New Coventry street, London, W. 1). Auf den kleineren englischen Straßen (alle vorzüglich asphaltiert und markiert) mit 10 km/st gemächlich dahinzutrudeln, durch idyllische Dörfer mit Schindeldachhäusern, durch kleine Städtchen mit großen Kathedralen, durch die anmutige englische Spielzeuglandschaft, in der es immer neue Kombinationen gibt von Hügeln und sanften Tälern, von Hecken und Parks und Wiesen und vielen Bäumen, die sich doch niemals recht zu einem Wald zusammenfinden – das ist wohl eine der angenehmsten Möglichkeiten, England wirklich zu „erleben“. Man sollte die großen Hauptstraßen vermeiden (erkenntlich an den Nummern, die mit „A“ anfangen), auf die sich aller Verkehr konzentriert. Für den Fall, daß der Besuch vor allem London gilt, lautet die generelle Antwort auf die Frage „mit oder ohne Auto“: Man spart viel Kummer und Ärger, viel Zeit und Geld, wenn man darauf verzichtet, zur hoffnungslosen Verstopfung der Londoner Straßen noch beizutragen, auf denen die Autos von Fußgängern überholt werden. Muß man gut Englisch können, um etwas von England zu haben? Im Gegenteil. Ausländer, die allzu fließend Englisch sprechen, machen sich geradezu verdächtig und müssen viel von dem Wohlwollen entbehren, das hier überall dem Hilflosen entgegenschlägt. Durch ein sprachliches Handicap wird der Gast außerdem vor einem faux pas bewahrt: zu viel zu reden. Gerade Engländer sind dem Monoglotten gegenüber zu größter Toleranz bereit – und verpflichtet; denn wer im Glashaus sitzt... Beeilen wir uns hinzuzufügen, daß es so ganz ohne ein paar Worte Englisch allerdings auch schwierig ist, gut und einigermaßen planmäßig durch England zu kommen oder gar irgend etwas Bestimmtes zu erreichen. Falls man die Möglichkeit hat, ins Französische auszuweichen, hilft auch das meistens weiter. Sonst gibt es schließlich nur noch eine Möglichkeit: in London bleiben und sich dort in den Nordwesten flüchten, nach Finchley road, West Hampstead, Golders Green, wo von Omnibusschaffnern berichtet wird, die die Haltestelle Swiss Cottage zum Erstaunen der englischen Fahrgäste als „Schweizerhäuschen!“ ausrufen – und wo, selbst wenn diese Geschichte erfunden sein sollte, es doch kaum ein Restaurant oder ein Geschäft gibt, in dem man nicht Deutsch verstünde.