Es ist an der Zeit, über einige wichtige Aufnahmen Mozartscher Opern zu berichten, die in letzter Zeit erschienen sind.

Wolfgang Amadeus Mozart: Bastien und Bastienne KV 50. Hollweg/Kmentt/Berry/Wiener Symphoniker/John Pritchard (Philips A 00167 L). Die Entführung aus dem Serail KV 384. Lipp/Loose/Ludwig/Koreh u. a./Wiener Philh. Orch./Joseph Krips (Decca LXT 2536/38). Stader/Streich/Greindl/Häflinger u. 3.1 RIAS Symph.-Orch./Ferenc Fricsay (Dt. Grammophonges. 18197/98 LPM).

Als Zwölfjähriger schrieb Mozart das Singspiel „Bastien und Bastienne“ – es ist berühmt geworden durch seine ersten Takte, aus denen das gewaltige Anfangsthema von Beethovens Eroica hervorgegangen ist. Mozart hat das kleine Werk später für eine Salzburger Aufführung überarbeitet, und die Überarbeitung ist es, die die Philips-Gesellschaft mit ausdrucksfähigen Stimmen, unter denen Ilse Hollweg besonders hervorragt, aufgenommen hat. Als Ausdruck eines früh entwickelten Stilgefühls wird es allen Mozartfreunden willkommen sein.

Die „Entführung aus dem Serail“ ist bereits früher einmal, und zwar bei der Decca-Gesellschaft, herausgekommen, vor vier Jahren, als die Langspielplatte gerade das Licht der Welt erblickt hatte. Es war die erste vollständige Oper, der die neue Erfindung zugute kam. Wir bewahren dieser Aufnahme trotz ihrer technischen Mängel auch heute noch eine hohe Achtung – ja Anhänglichkeit: der glänzenden, dramatisch belebten Constanze von Wilma Lipp, dem anmutig-schlauen Blondchen von Emmy Loose, vor allem aber diesem Falstaff von einem Osmin Endre Korehs, der uns trotz finsterster Absichten mit seiner gesalbten Stimme eine vielleicht nicht ganz angebrachte, dafür um so ehrlichere Sympathie abzwingt. Erstaunlich viel Klangphantasie besitzt der Dirigent Joseph Krips. Mit Hilfe seines treffsicheren Tempogefühls und seiner kontrastreichen Farben entwirft er für die Arien der Sänger auf Schritt und Tritt die passende orchestrale Folie.

Die jüngst erschienene Aufnahme der Deutschen Grammophon-Gesellschaft bietet den großen Vorteil, eine Platte weniger für das ungekürzte Werk zu beanspruchen. Obgleich sie der älteren auch klanglich überlegen ist, obgleich Fricsay ihr ganz die richtige Stimmung zu verleihen versteht, wird sie die alte doch nicht ohne weiteres ersetzen können. Bei der neuen Entführung ragen in erster Linie Josef Greindl und Ernst Häflinger hervor. Schon der Klang seines Organs nötigt Greindl, ob er will oder nicht, zu einer ganz anderen Art von Osmin. Er stellt die girrende Tücke und verschlagene Grausamkeit dieses abgeblitzten Haremswächters in den Vordergrund – eine in ihrer Weise nicht nur konsequente, sondern vor allem stimmschauspielerisch hervorragend durchgeführte Auffassung. Ernst Häflinger, den ausdrucksstarken „Evangelisten“ der Johannes-Passion, lernen wir dieses Mal als echten, geschmeidigen Mozartsänger kennen; mit der dunklen, männlichen Färbung seiner Stimme wird er in erster Linie der ritterlichen Persönlichkeit des Belmonte gerecht: er bewahrt ihn davor, ins allzu Singspielhafte abzugleiten. Maria Stader und Rita Streich erfreuen durch ihre frischen, wohlgeschulten Stimmen.

Wolfgang Amadeus Mozart: Die Zauberflöte KV 620. Lipp/Seefried/Dermota/Weber u. a./Wiener Philh. Orch. / Herbert v. Karajan (Columbia 33 WCX 1013/15).

Auch die Zauberflöte hat es schon einmal in vollständiger Aufnahme gegeben: während der dreißiger Jahre, auf Electrola unter Beecham. Diese alte Schellack-Ausgabe hat darstellerisch, ja sogar tonlich auch heute noch ihre unbestreitbaren Meriten, und wer sie besitzt, darf sich glücklich schätzen. Gleichwohl hat die neue Columbia-Aufnahme unter Karajan Vorzüge, die über das Technische hinausreichen. In erster Linie denken wir hier an die klare Einstellung des Dirigenten; wie mit einem Zauberstab verweist er die nicht jedermann mehr zusagende Märchenhandlung von Mozarts Werk in den Hintergrund. Seine manchmal atemberaubenden Tempi, seine fliegende Behandlung unwichtiger Details, die zum Schaden des Gesamteindrucks meistens viel mehr als nötig aufgebauscht und gespreizt werden, dann aber auch wieder sein besonnenes und liebevolles Verweilen bei den lyrischen und erhabenen Partien – diese verständnisvolle und überlegene Gestaltungskraft ist eine musikalische Leistung für sich. Wir halten die Aufnahme auch gesanglich für hervorragend. Jurenak, Seefried, Loose, Dermota, Kunz, Weber – sie alle passen sich mit ihren leuchtenden und zugleich elastischen Stimmen harmonisch in Karajans großliniges alfresco-Gemälde ein. Über ihnen allen aber thront die „Königin der Nacht“, Wilma Lipp, in deren Rachearie die Staccati wie Diamanten in einem Perlenkollier funkeln. Chr.