G. Z., Athen, Ende August

Es wird einige Überraschung bei der Bundesregierung ausgelöst haben, als sie die Nachricht aus Athen erhielt, daß die griechische Regierung von der zwischen Bundeswirtschaftsminister Erhard und dem griechischen Koordinationsminister Papaliguras am 19. November 1954 getroffenen Vereinbarung über die Lieferung von Telephonmaterial nach Griechenland (durch die Siemens & Halske AG) zurückzutreten wünscht. Diese Entscheidung wurde gefällt, nachdem Außenminister Stefanopoulos die Innehaltung der übernommenen Verpflichtung noch kurz zuvor beteuert hatte.

In die kurz vor dem Abschluß stehenden Verhandlungen zwischen der griechischen Regierung und der Firma Siemens platzte eine Bombe: der griechische Beauftragte der Siemens-Werke in Athen, Vulpiotis, beschuldigte in einem Brief an Ministerpräsident Papagos den für die Siemens-Verhandlungen verantwortlichen Staatssekretär im Verkehrsministerium, durch Mittelsmänner von ihm für die Unterzeichnung des Abkommens 100 000 $ gefordert zu haben. Der griechische Beamte erstattete Anzeige wegen Verleumdung. Die griechische Regierung stellte sich hinter ihren Beamten. Eine internationale Ausschreibung soll nun die Telephonversorgungsfrage Griechenlands auf ein neues Gleis bringen.

Man fragt sich, wie ist der plötzliche Wandel der Ansichten, wie er durch die Bitte der griechischen Regierung um Entbindung von der Siemens-Vereinbarung zum Ausdruck kommt, und eine ierartig eklatante Entscheidung, die im Gegensatz zu den bisher in verständnisvollem Geiste geführten Wirtschaftsverhandlungen steht, zu erklären. Die Unrichtigkeit der Anwürfe des Siemens-Beauftragten ist jedenfalls bisher – nicht nachgewiesen worden. Aber darüber werden die Gerichte. zu entscheiden haben. Als überraschend muß es auch gezeichnet werden, daß die griechische Regierung es unterlassen hatte, die deutsche Botschaft in Athen von dem Brief des Vulpiotis an Marschall Papagos zu unterrichten, obwohl zehn Tage vergangen waren, bis sie ihn veröffentlichen ließ. Die deutsche Seite erfuhr offiziell erst davon, als die Sache verfahren war.

Sicher war es ein Grundfehler und geradezu unverständlich, daß, wie auch immer die Frage um die geforderten Ermunterungsgelder geklärt werden mag, Vulpiotis offensichtlich ohne Verständigung mit dem deutschen Stammhaus und ohne Unterrichtung der deutschen Botschaft in Athen seine Vorwürfe in die Öffentlichkeit trug und damit einen zweiten Fall Siemens in Griechenland inszenierte. Das mußte nach den Vorgängen im November 1954, als im Zusammenhang mit dem Siemens-Projekt eine griechische Regierungskrise entstand, vermieden werden. Die Siemens-Vereinbarung war nun schon einmal durch den Briefwechsel Erhard – Markesinis irgendwie vorbelastet, nachdem der damalige griechische Koordinationsminister die Zusage ohne Wissen seiner Regierung gegeben hatte.