Lange ehe die Politiker jetzt in Genf erkannten, daß sie in Krieg und Frieden willenlose Geschöpfe der Atombombe sind, schrieb Bertrand Russell: „In den nächsten fünfzig Jahren muß eine klare Wahl zwischen Vernunft und Tod getroffen werden. Und unter Vernunft verstehe ich in diesem Falle die Bereitschaft, sich einem von internationaler Autorität erlassenen Gesetz zu unterwerfen. Ich fürchte, die Menschheit wählt den Tod. Ich hoffe, daß ich mich irre.“

Das ist Bertrand Russell in der Rolle des Propheten, oder besser der Kassandra, die er in den ganzen letzten Jahren mit beängstigendem Erfolg gespielt hat. Sonst aber hat der europäische Philosoph mit seiner klassischen Vorgängerin kaum etwas gemeinsam. Fremd ist dem lachenden Pessimisten ihre schmerzliche Resignation; und während Kassandra aus mystischen Urgründen ihre Weisheit schöpfte, hält der Voltaire des 20. Jahrhunderts, wie man Bertrand Russell genannt hat, wenig von jenseitigen Erfahrensquellen.

Das viktorianische Zeitalter ging seinem Ende entgegen, als Bertrand Russell (geboren am 18. Mai 1872 in Trelleck) sich als stud. phil. in Cambridge eintragen ließ. Der gleiche Mann, der heute manchen, der ihn nicht persönlich kennt, als kalter Intellektueller erscheinen mag, war damals nahe daran, in einem Chaos der Gefühle und Leidenschaften unterzugehen. Er war, wie er später sagte, oft dem Selbstmord nahe. Aus dieser Situation wurde die Überzeugung geboren, daß Gefühle und Leidenschaften in die Sphäre des Persönlichen gehören, daß aber das Allgemeinverbindliche und -verbindende nur aus der Vernunft kommt; eine Oberzeugung, die ihn zum Studium der Mathematik und reinen Logik führte. Sein glänzendes Abschlußexamen erregte Aufsehen. Als Dreißigjähriger veröffentlichte er die „Prinzipien der Mathematik“, die „der größte englische Beitrag zur Philosophie seit Hobbes“ und „die bedeutendste Einzelleistung auf dem Gebiete der reinen Logik seit Aristoteles“ genannt wurde. 1910 folgte, zusammen mir A. N. Whitehead herausgegeben, das Werk, auf dem ihm noch heute sein Ruf als Gelehrter am sichersten gegründet scheint: die drei Bände der Principia Mathematica.

Bertrand Russell kommt aus einer alten englischen Familie, ist Enkel des englischen Premierministers Lord John Russell und seit 1932 selber Earl – ein Titel, von dem er niemals Gebrauch macht. Was denn überhaupt der Sinn vieler englischer Adelstitel sei, wurde er einmal im demokratischen Amerika gefragt. „Sie haben immerhin den Vorteil“, antwortete er, „daß sie einem in englischen Gefängnissen anständige Behandlung sichern.“ Er sprach aus Erfahrung.

Als gefährlich kluger Exzentriker hatte er es fertiggebracht, überall anzuecken – im Kreml wie beim Papst, bei der Regierung Seiner Majestät des Königs von Großbritannien wie bei den Gegnern dieser Regierung. Aber alle Verdammungsurteile, die gegen ihn ausgesprochen worden sind, wurden eines nach dem anderen zurückgenommen, und allmählich wurde das enfant terrible der britischen Aristokratie zum Nestor der abendländischen Philosophie.

Die gleiche „gute Gesellschaft“, die einst über den mißratenen Lord die Nase rümpfte, der sich in provozierender Weise zum Sozialismus bekannte, der offen und wohl gar zustimmend von „Geburtenkontrolle“, „freier Liebe“ und „Ehe auf Probe“ sprach, der sich dreimal scheiden ließ und noch ein viertes Mal heiratete – die gleiche gute Gesellschaft versucht heute Lord Russell aus seinem Heim in Londons Villenvorort Richmond zu ihren Soirees und Empfängen zu locken.

Die extrem sozialistischen Anschauungen, denen er wiederholt Ausdruck gab, hatten ihn in manchen Kreisen als Kommunist oder doch als Mitläufer in Verruf gebracht. 1949 jedoch konnte Russells kritisches Werk „Praxis und Theorie des Bolschewismus“, das er 29 Jahre vorher veröffentlicht hatte, ohne jede Änderung neuaufgelegt werden. Und die von ihm so früh erkannte Drohung des Bolschewismus war es vor allem, die ihn veranlaßte, eines der Grundprinzipien seiner Weltanschauung – den konsequenten Pazifismus – aufzugeben. Die englische Kommunistenzeitung Daily Worker empörte sich denn auch über seinen „blinden Haß gegenüber der Sowjetunion“.