Von Günther Dahl und E. Seeliger

Karlsbad, Ende August

Vor der Fassade des berühmten „Hotel Pupp“ in Karlsbad klebt ein roter Stern. „Moskwa“ heißt jetzt dieses gelbe Haus im Zentrum der Stadt. Auf dem Parkplatz stehen Wagen mit den Nummern der Funktionäre. Auch ein paar russische Wagen. Hier wohnen die Kremlvertreter, die Mitglieder der sowjetischen Kontrollkommission für die Uran-Schächte in Joachimsthal. Die obersten Chefs dieser Kommission haben sich hoch über Karlsbad im „Imperial“ niedergelassen. Aber das findet wohl bloß der Gast aus dem Westen der Aufzeichnung wert. Hundert Meter neben dem „Moskwa“ promeniert man am Nachmittag zu den Klängen der Kurkapelle. Das Brunnenglas verbindet Arne und Reiche, Uniformierte und Zivilisten. Ein friedliches Bild. Nylonstrümpfe kosten 38 Kronen, und nur jeder fünfte hier auf der Promenade verdient mehr als 1000 Kronen im Monat. Die paar Kaffeehäuser’ sind mäßig besetzt. Kein Wunder: ein „Schwarzer“ und zwei Stückchen Kuchen für neun Kronen – wer kann das bezahlen?

Fast alle Tschechen, die sich in Karlsbad zwei Wochen erholen, wohnen in Häusern des Revolutionären Gewerkschaftsbundes“. Das sind diese mittleren Pensionen und Hotels, deren Besitzer 1945 ohnehin hinausgeworfen wurden. Der Staat machte daraus volkseigenen Besitz und schickte seine Werktätigen her. – Am sechsten Tag gingen wir auf das Büro der Kommunistischen Partei und baten um einen Begleiter. Wir hatten von Arbeitsbrigaden gehört, jungen Leuten aus den Fabriken, die man ein halbes Jahr aufs Land schickt, weil dort Arbeitskräfte fehlen. Die wollten wir gern sehen und sprechen.

„Das ist schön, Genossen, daß ihr den Aufbau in unserer Volksdemokratie besichtigen wollt. Nur wenn wir gemeinsam im Kampf um den Frieden, bereit sind, mit der Sowjetunion Schulter an Schulter...“– „Augenblick“, unterbrachen wir den freundlichen Herrn, der so hervorragend Deutsch sprach, „aber wir fahren auf dem anderen Dampfer, wenn Sie diese Formulierung verstehen: wir kommen aus Westdeutschland, aus Hamburg, wissen Sie“. Er schluckte ein. paarmal, und es war belustigend, wie er versuchte, eine andere Platte aufzulegen. Er ging erst einmal hinaus, um eine Flasche Slibowitz zu holen. (Kostet im Laden übrigens 105 Kronen). Nach dem dritten Glas schwärmte er von der Reeperbahn. Er erzählte, daß er in den dreißiger Jahren mal auf der Hamburg-Süd gefahren ist. Ein netter, freundlicher Herr. Aber wir kamen nicht ins Gespräch. Wir redeten, mehr nicht.

Er schickte uns anderntags einen Mann; aber der wußte nichts von Arbeitsbrigaden. Er war taub, sobald unsere Fragen über Einwohnerzahl-, Preise und Zatopek hinausgingen. Er schleppte uns zu Moser, der Glasbläserei, die seit hundert Jahren nach Ost und West gleichermaßen devisenbringend exportiert. In einer Vitrine ist ausgestellt, woraus die Großen der Welt den Rotwein trinken: Bulganin und Franco, Mao, Königin Elizabeth, Truman und Synghman Ree. Dann ging es zu Epiag, der berühmten Porzellanmanufaktur. Wir wollten gern die schönsten Stücke photographieren. Leider verboten. „Wie viele Leute beschäftigen Sie?“ – „Das weiß man nicht genau.“ – „Wie verhält sich der Export zur Produktion für das Inland?“ – „Darüber können wir Ihnen leider nichts sagen.“ – „Was verdient bei Ihnen ein Arbeiter?“ – „Leider können wir Ihnen das nicht sagen.“ – „Können Sie uns dann vielleicht sagen, warum Sie un? hierhergeführt haben?“ fragten wir unseren KP-Begleiter. – „Ich dachte, ein so weltbekannter Betrieb würde Sie interessieren“, sagte er beleidigt.

Bevor wir uns trennten, machten wir noch einen letzten Versuch. Wir hatten in der westlichen Auslandspresse gelesen, daß die jetzigen Prager Herren, also das Kabinett Sirocky unter Staatspräsident Zapotocky, die Vertreibung der Sudetendeutschen als schweren Fehler des Präsidenten Benesch ansehe und diese Maßnahme verurteile. Wir fragten unseren Begleiter, ob das stimme. Er sagte, daß er mal eben telephonieren müsse. Als er wiederkam: „Leider kann ich Ihnen die letzte Frage nicht beantworten.“