"D enettes Taillenweite betragt schätzungsweise 20 Zentimetermaß — nein: irit dem stimmen nicht. Dann schwindet jegliche Aussicht auf den Titel "Miß Auslese" sofort dahin. Auch Renettes Teint spielt eine weit größere Rolle als bisher. Sommersprossen veranlassen die Jury sofort, sie zu disqualifizieren, wenn es an die Auswahl der schönsten Exemplare ihier Gattung geht.

Renette ist — der bisherigen Beschreibung zum Trotz — jedoch keine Schönheitskönigin. Jedenfalls keine menschliche. Das Wort "Renette" ist — sozusagen — ein Apfel Familienname, und die einzelnen "Familienmitglieder" heißen dann Ananas Renette, Cox Orangen Renette, Champagner Renette oder Landsberger Renette. Und die Renetten befinden sich in der besten Gesellschaft der übrigen bekannten Tafeläpfel, mögen sie nun Goldparmäne heißen, Jonathan, Boskop oder wie auch immer. Und was für die Tafeläpfel gilt, hat ebensoBedeutung für Tafelbirnen, für bestimmte Frihzwetschen, Tomaten, Kopfkohl, Spargel und Zviebeln. Für dieses Obst und Gemüse ist am 1. August die erste Handelsklassenverordnung für Ob;f und mit genauer Handelsklassenbezeichnung — Auslese, Klasse A, B oder C — verkauft werden, es sei denn, der Verbraucher bezieht es direkt "ab Hof".

Das Handelsklassengesetz für Obst und Gemüse, zu dem jetzt die erste Verordnung erging, erfüllt die jahrzehntealten Forderungen fortschrittlicher Erzeuger und Händler. Das Ausland bringt seine Waren seit langem tadellos sortiert und verpackt auf den Markt. Dem deutschen Obstbau, der sich ja nicht ständig hinter Einfuhrbeschränkungen verschanzen soll, würde es schlecht ergehen, verstünde er es nicht, sich rechtzeitig anzupassen. Wenn die Hausfrau also nunmehr im Obstgeschäft an der Apfelkiste ein Schild entdeckt: "Gravensteiner, Auslese" — dann weiß de: es müssen auserlesene Früchte sein, einheitlici reif, mit unbeschädigtem Stiel, frei von Wuchsfdilern, Rissen, Quetschungen, nicht wurmstichig, ohne Fehler an der Schale, ohne Frostschäden, mit einem Querdurchmesser (an der dicksten Stelle gemessen) von mindestens sieben Zentimetern. Denn in Gegensatz zu Schönheitsköniginnen ist erstens bei Äpfeln die Taille die stärkste Stelle und zweitens die Schönheit um so vollkommener, je fülligsr die Taille ist.

Aber mit der Taillenweite ist es, wie gesagt, nicht getan. Auch "Sommersprossen", Fleckei und sonstige Schönheitsfehler sind verboten. Wie für Schönheitsköniginnen gilt freilich die Forderung: nicht zu jung — unreif — und nicht zu alt — überreif. Entsprechend mindere, aber immer noch strenge Anforderungen bestehen für die übrigen Handelsklassen. Klasse A verspricht immer noch "etwas Besonderes", Klasse B ist Konsumware Klasse C gehört eigentlich nicht ins Ladengeschäft, sondern sollte in der Industrie verarbeitet werden. Eine Einführung von Handelsklassen für das genannte Obst und Gemüse ist zwar im Augenblick recht theoretisch, da diese Waren aus deutscher Erzeugung — Auslandsware fällt nur zum geringen. Teil unter die deutsche Klassifizierung, ist aber in der Regel ja ohnehin sortiert — noch kaum auf dem Markt sind. Es stimmt: man geht absichtlich vorsichtig zu Werke, um die revolutionierende Regelung recht langsam und schonend einzuführen. Zur Zeit spielt die Handelsklassenordnung in der Praxis hauptsächlich für Tomaten eine Rolle. Tomaten Handelsklasse A müssen rund, glatt, schnittfest, einheitlich und fehlerfrei sein, dazu nach Größe sortiert, aber mindestens vier Zentimeter Querdurchmesser haben. Und sogar für Tomaten der Klasse C sind offene Risse oder Verletzungen immer noch verboten. In einigen Wochen — nach der Ernte — wird auch bei den meisten übrigen genannten Obst- und Gemüsearten (für Spargel spielt die Klassifizierung ja in diesem Jahre keine Rolle mehr) die Probe aufs Exempel gemacht werden. Man wählte bewußt zuerst die relativ leicht zu sortierenden Waren, die z. T auch bisher schon freiwillig gut sortiert wurden. Ist hier die Feuerprobe bestanden — man müßte wohl richtiger sagen: die Millimeter- und Augenprobe —, so soll später auch das andere Obst und Gemüse einbezogen werden, ob es sich nun um Erdbeeren handelt, um Blumenkohl, Kopfsalat oder Radieschen — um nur einige zu nennen.

Eine Klarstellung übrigens: Obst oder Gemüse der Handelsklasse B wird nicht etwa minderwertige Ware sein. Solche Ware — unter C oder gar unter "Ausfall" einrangiert — hat, wie gesagt, im Laden gar nichts mehr zu suchen. Aber B Obst oder Gemüse ist eben Ware, die vor allem dem Auge nicht so schmeichelt, wie man es verlangen kann, wenn man den "Auslese"- oder A Preis bezahlt. Um es ganz drastisch zu sagen: die Früchte auf dem Früchtekorb im Hotel sind Auslese, die fünf Äpfel am Obsttag für die Schlankheitskur "Konsumklasse" B.

Nicht alle Erzeuger und Händler stimmen der ersten Handelsklassenordnung zu Ehren eine Lobeshyrane an. Die zum Größensortieren nötigen Maschinen sind kostspielig. Sortiergemeinschaften werden einspringen müssen, wo die Mittel des einzelnen Betriebes nicht ausreichen. Manche Obsfr bauern oder Gemüsebauern wollen auf das lästig Sortieren verzichten und verkaufen alles als Klasse B. Sie betrügen sich selbst um den möglichen Mehrerlös für einen Teil ihrer Ware, und sie werden gs merken, je härter der Rechenstift regiert. Wer allerdings die Handelsklasse seiner Ware mühelos "aufstocken" wollte — nach der Formel B J- O = A, wie es ein bekannter Fachmann formulierte —, der wird bald eine noch energischer e Gewalt zu spüren bekommen als den Rechenstift nämlich die Hüter des Gesetzes. Sie werden i n Stichproben sehr sorgfältig darüber wachen, da ß die Handelsklassen eingehalten werden. Bei Ve xstoßen gibt es empfindliche Geldbußen. Gewiß — diejenigen Früchte, bei denen das ha ß liehe "Spiegeln" immer noch verbreitet ist — d a Überdecken minderwertigen Obstes mit ein dünnen Schicht tadelloser Ware — brauchen z| nächst noch nicht klassifiziert zu werden: Kirscht beispielsweise oder Himbeeren. Aber auch hif heißt es: kommt Zeit, kommt Harvdelsklassi Und die Verbraucher? Sie können uneingj schränkt "Ja" zu der neuen Verordnung sage. Jede Chance, den westdeutschen Obstbau af eigener Kraft konkurrenzfähig zu machen, madj auch die Forderungen nach den letztlich verbraa cherfeindlichen Einfuhrbeschränkungen gegen standslos. Bisher mußte die Hausfrau sich auf cl mehr oder minder vagen Bezeichnungen wie "I a "prima" oder "tadellos" verlassen. Jetzt nimm wer keine "Miß Renette" mit Taillenweite 20 wf eben Sorte B zu 60 Pfennigen je Pfund, währen er früher für ein Mischmasch verschiedener Sorte vielleicht 65 Pfennige zahlte. Und wer Wert ai ebenmäßige Ware legt — nun, der weiß, daß f diese Ware für seine 70 oder 75 Pfennige jetz auch bekommt.

Noch etwas sollte besser als bisher möglich sei wenn sich die Handelsklassen jetzt durchsetze der Verkauf je Stück. Es ist nicht recht einz sehen, warum wohlsortierte und darum Innerha der Klasse wenig voneinander abweichende Äpi oder Birnen in Deutschland nicht stückweise v£ kauft werden sollten — sagen wir, kurz nach dt Ernte für fünf Pfennige, später teurer? Ein Schul frühstück, zu dem der Händler jedem Kind täglic einen Apfel für fünf Pfennige liefern würde warum eigentlich nicht? Die Handelsklassenverordnung ist eine artig Verbeugung vor dem Verbraucher. Er ist rrr agrarpolitischen Höflichkeiten bisher nicht allzu sehr verwöhnt worden. Und er sollte diese Reve renz — seiner Stellung bewußt— entgegenneh men, im übrigen aber aufpassen, daß ihm kein Js für ein U, wollte sagen: kein B für ein A, vpr — gemacht wird. Julia Nusseck