Von Farben und Stoffen

Ein strenges, düsteres Zwielicht herrscht in der Pariser Haute Couture: Dior, Balenciaga, Geneviéve Fath, Givenchy und die Mehrzahl der richtunggebenden Schneider sehen „schwarz“ für den kommenden Winter. Überall macht sich eine Auflehnung gegen das zuckersüße Rosa und Himmelblau der Sommersaison bemerkbar. Die neue Farbensymphonie bevorzugt – neben Schwarz als Favorit – stille und gedämpfte Töne: Grau steht zurück hinter den mannigfaltigen Schattierungen des herbstlichen Waldes, den „couleurs mortes“. Moos-, Oliv- und Graugrün, mattes Rost- und Korinthenrot, und vor allem die Farben welker Blätter, die vom trüben Maisgelb bis zum düsteren Braun der Herbstlandschaft hinüberspielen, stehen im Einklang mit der unsensationellen Vornehmheit der Silhouette 1956. Für den festlichen Anzug, für den die schwarzen, neuerdings „off black“ genannten Töne, ihre Geltung nicht verlieren, wird Weiß, Elfenbein, Sahnen- und Isabellengelb, Geranium, persisches und Türkisblau und das satte, nicht zu schlagende Dior-Rouge vorgeschlagen. Geneviéve Fath lanciert ein romantisches, kräftiges Nelkenrosa, Bronze, Rehfarben und Gold. Bei denneuen Impriméstoffen haben persische und türkische Motive Pate gestanden: Paisley-Dessins, die in Großbritannien zu den Favoriten der Krawatten- und Schalindustrie zählen, werden – nicht unähnlich den Kaschmirschals unserer Großmütter – als Neuigkeiten auf beige, blaugrauem, kastanienfarbenem und schwarzem Grund gezeigt. Leichtere Cocktailwollstoffe und schwere Abendsatinseiden in der Dior-Kollektion sind – deutlich erkennbar – von den uralten Handwebmustern orientalischer Teppiche und Gebetbrücken abgeleitet.

Der stillen Farblandschaft der Tagesmode kommt der weiche Griff grobkörnig gewebter, schwarzweißer und beige-braun-weißer Tweeds entgegen, und bei vielen Unistoffen bietet ein eingewebter schwarzer Tupfen oder Faden dem Auge einen angenehmen Ruhepunkt. Jerseys sind A und O der Tageskleider, Homespun-, Fischgrat- und Shetlandwollen bilden ein Gegengewicht zu den angezogen wirkenden, leichten Tuchen – matt oder mit Halbglanz.

Broschierte und cloquierte Seiden – vornehmlich in Schwarz – haben unregelmäßig getupfte Relief Oberflächen; die Klassiker unter den Abendgeweben – Brokat, Samt, Velourschiffon, Spitze; Tüll und metallisierter Seidenmusselin – werden bei den weit über eine Million Francs (12 000 DM) kostenden Balltoiletten der Pariser Couturiers mit Silber-, Gold-, Jett-, Pailletten-, Cellophan- und Mohairmotiven bestickt, oft Ton in Ton und wiederum an orientalische Entwürfe angelehnt. -ll