Von Gustav Vechna

Die Frage, wie die Praxis einer kommenden militärischen Dienstpflicht für den Soldaten aussehen soll, bewegt noch immer die Gemüter in den verschiedensten Richtungen und ist Gegenstand immer neuer Diskussionen in den verschiedensten Gremien. Das einzige, was festzustehen scheint, ist: daß ein neuer „Kommiß“ im alten Sinne schwerlich ohne erheblichen Widerstand akzeptiert werden wird. Übrigens bringt es auch schon die ganze moderne Entwicklung mit sich, daß der hochtechnisierte Wehrdienst andere Formen der Ausübung verlangt, als sie bisher durch Überlieferung und Gewohnheit festgelegt waren. Zu diesem leicht einzusehenden Sachverhalt kommen aber wichtige psychologische und soziologische Gründe, die eine neue Interpretation des Begriffs „Soldat“ und damit eine neue Gestaltung des soldatischen Daseins unumgänglich machen. Was die Erarbeitung der neuen Grundsätze und die Vorbereitung ihrer Realisierung jedoch fortgesetzt erschwert, ist das anscheinend unausrottbare Mißtrauen, welches der Tatsache einer allgemeinen Wehrpflicht überhaupt entgegengebracht wird, sogar von der Generation, die noch keine üblen Erfahrungen für ihre Skepsis geltend machen kann. Der Ausräumung dieser Hemmungen dienen vielfältige Bemühungen im das Verständnis der Jugend im Bereich der Schule. Ein erfahrener Pädagoge gibt im folgenden einen Überblick über seine bisherigen Beobachtungen am Nachwuchs der geistigen Berufe.

„Es ist der Charakter der Deutschen, daß sie über allem schwer werden, daß alles über ihnen schwer wird.“ Goethe

Man sollte meinen, daß nach den bitteren Erfahrungen mit dem totalen Staat die deutschen Bildungsschichten sich am ehesten wieder gefangen und den nationalen Schock, den die totale Niederlage von 1945 ausgelöst hat, am leichtesten überwunden hätten. Wir wollen damit sagen: Sie hätten eigentlich zwischen dem Inbild des Staates, ohne den wir nicht leben können, und seiner Verzerrung unterscheiden lernen, also vor der nachfolgenden allgemeinen Staatsverdrossenheit bewahrt bleiben müssen, Bei ihnen dürfte das Pendel nach der anderen Seite, die dem einzelnen gegenüber dem Staat ungebührlichen Vorrang gab, eigentlich nicht ausschlagen. Die ewig unlösbare Spannung zwischen Individuum und Gemeinschaft war im totalen Staat so stark erlebt worden, daß im Ausgleich und nicht im Extrem die tragbare Regelung gesehen werden mußte. Das Korrelat von Recht und Pflicht erst ermöglicht ja eine würdige Staatsform, und die wohlabgewogene Verpflichtung des einzelnen gegenüber der Gesamtheit – vor deren Willkür er natürlich geschützt sein soll – macht erst einen Staat lebensfähig.

So ist die auch in „gebildeten Ständen“ offen zutage tretende Staatsverdrossenheit eigentlich, unverständlich. Aber wieder einmal offenbart sich die alte Tragik in Deutschland, daß die geistigen Schichten viel weniger als etwa bei unseren westlichen Nachbarn, tätigen Anteil am Schicksal der Nation nehmen, daß bei uns „Politik“ein „garstig Lied“ ist, und daß man lieber den Dilettanten und Demagogen das Feld überläßt, statt selbst Verantwortung zu übernehmen. Man kann diesen Umstand nicht etwa mit den Enttäuschungen und dem furchtbaren Erleben der letzten dreißig Jahre erklären; schon seit 1848 fehlt uns ja eine echte staatsbürgerliche Tradition.

Macht man sich diesen Tatbestand deutlich, dann darf man berechtigte Bedenken hegen, ob und wie denn die kommende Generation auf höheren Schulen, Universitäten und Akademien zu einem echten Staatsgefühl und zu staatsbürgerlicher Haltung und Verpflichtung kommen soll Denn wenn nicht unsere „gebildete Jugend“ – wer denn sonst sollte erfassen, daß zur vornehmsten Pflicht jedes Staatsbürgers die Verteidigung des Vaterlandes gehört? „Keine Regierung und keine Bataillone vermögen Recht und Freiheit zu schützen, wo der Bürger nicht imstande ist, selber vor die Haustür zu treten und nachzusehen, was es gibt“, lesen unsere Oberschüler in Gottfried Kellers hohem Lied von der Wehrbereitschaft des freien Mannes, im „Fähnlein der sieben Aufrechten“. Jedem Abiturienten müßten wenigstens dem Sinne nach die Bestimmungen des Konskriptionsgesetzes vom September 1798 einmal begegnet sein: „Jeder Franzose ist Soldat und zur Verteidigung des Vaterlandes verpflichtet“, und gerade die jungen Bildungsschichten müßten am ehesten von der Richtigkeit der Formulierung des Herrn Bundespräsidenten überzeugt sein: „Die allgemeine Wehrpflicht ist ein legitimes Kind der Demokratie.“

Wer aber Umgang mit jungen Menschen dieser Art hat oder ihren Einstellungen etwa zur Wehrpflicht nachgeht, wird betroffen sein müssen. Dabei machen sie es sich nicht leicht, und immer wieder. kann man von Diskussionen unter Studenten oder höheren Schülern, unter jungen Lehrern und Akademikern, von Tagungen im kirchlichen Bereich erfahren, auf denen heiß gestritten, ehrlich debattiert, um letzte Klarheit gerungen wird. Viel guter Wille, viel echte Leidenschaft, ja ein erfreuliches Verantwortungsbewußtsein in der theoretischen Behandlung treten hier zutage. Aber – und das scheint uns ein typisches Merkmal der Haltung dieser jungen Generation zu sein – man vermag natürliche Vorgänge nicht mehr natürlich zu sehen, man wittert Problematik, wo es im Grunde keine gibt. Immer wieder kliigt die Sorge um eine Fehlentwicklung der künftigen Armee an; immer wieder fürchtet man den „Staatsstreich“, redet man von Zwang, Unterdrückung und verletzter Menschenwürde im Soldatentum. Man scheut die Folgen einer Wiederbewaffnung und meint, daß man mit ihr den Krieg heraufbeschwöre. Die Wahrheit des klugen Wortes von Karl Jaspers, einem gewiß unverdächtigen Zeugen: „Die Möglichkeit des Krieges wird nicht durch Verzicht der überwältigenden Mehrheit auf Wehrhaftigkeit ausgeschaltet“, bleibt oft unbeachtet.