Der Nachfolger von Gründgens in Düsseldorf, Karl Heinz Stroux, verzeichnet einen persönlichen Erfolg. Ohne Werbung ist sein Schauspielhaus ausverkauft. Begeistert folgerte Stroux in einem Interview, deutsches Theater werde bei soviel Sehnsucht nach dem Theater nun „Welttheater“ und zugleich „Volkstheater“ sein können. „Aufgabe und Kunst der Intendanten wird es sein, auf dieser Woge oben zu schwimmen.“ Doch Meisterschwimmer Stroux hat bei seinem Start einige Untiefen in deutschen Theatergewässern nicht bemerkt. „Welttheater“ heißt frei nach Herder (der für Goethes Begriff „Weltliteratur“ verantwortlich ist): die Stimmen der Völker im Theater. Heute nennt man das simpler All round-Theater. Eine so geleitete Bühne bezeichnen Spottvögel auch als Warenhaus, Wunschkonzert oder, vornehmer gesagt, als Informationstheater. Es ist in Deutschland die übliche Form der städtischen Bühnen geworden.

Über diese Informationsanstalt sagte Oscar Fritz Schuh vor kurzem: „Ich finde, man kann nicht für Eliot sein und am nächsten Abend Schiller spielen.“ Schuh leitet in Berlin das Theater am Kurfürstendamm. Er hat ebenfalls Erfolg, und das trotz bewußter Einseitigkeit des Spielplans. Schuh verlangt vom Intendanten, daß er geistig sein Publikum führe, anstatt es nur zu unterrichten. Beispiele beweisen, daß großes Theater früher immer einseitiges Theater war. Das gilt auch heute für Vilar und Barrault in Paris, für das Piccolo Teatro in Mailand, für Felsensteins Komische Oper. In Westdeutschland könnte man auf Hilpert verweisen. Er spielte keins der drei Spitzenwerke des letztjährigen Einheitsspielplans deutscher Bühnen (Caine, Hexenjagd, Teehaus). Die Göttinger sind also schlecht informiert, aber ihr „Deutsches Theater“ rangiert neben der Universität.

„Ich schätze das Spezialitäten-Theater des Herrn Schuh nicht“ – so sprach Stroux und bekennt sich wie jener doch zum Wettbewerb als einem künstlerischen Steigerungsfaktor. Hier lauert auf Großraumschwimmer wieder eine deutsche Untiefe. Im Gebiet von Dortmund bis Köln und Bonn vermutet Stroux einen „Großraum der künstlerischen Konkurrenz“ und fühlt sich an Berliner Verhältnisse erinnert. In Berlin aber spielt Schuh, was Barlog nicht spielt, und bespricht sich vorher mit ihm. Schuh hat das auch den sogenannten Theaterlandschaften empfohlen. Aber an Rhein und Ruhr wie im Rhein-Main-Gebiet scheinen alle Nachkriegserfahrungen in dem Satz zu gipfeln, den Gründgens schon aussprach, als er Düsseldorf übernahm: „Man kann in Düsseldorf nur Düsseldorfer, kein Berliner Theater machen.“

In Hamburg ist das anders. Da gehen dieselben Leute in mehrere Theater, die miteinander konkurrieren können. Auch in Frankfurt wirkt sich manche Aufführung bei Rémond als eine Kritik am Kleinen Haus der Städtischen Bühnen praktisch aus. Die Dortmunder gehen aber nicht nach Bonn ins Theater. „Großräume“ der deutschen Theaterprovinzen sind geographische Eigenarten, keine künstlerischen Kraftfelder.

Solange alle Städte dasselbe sehen wollen, bleiben „Welttheater“ und „Volkstheater“ praktisch Stadttheater. Wer „oben schwimmt“, das ist im Allround-Betrieb eine lokale, allenfalls eine persönliche, aber keine Frage des deutschen Theaters J. J.