H. D. Kassel, Ende August

Es begann am Dienstagvormittag in einer Montagehalle des Henschel – Kraftwagenwerkes Kassel-Mittelfeld. Ohne erkennbaren äußeren Anlaß stellten einige Arbeiter die Maschinen ab und forderten die Kollegen auf, ihrem Beispiel zu folgen. Der Ausstand griff rasch um sich, ohne daß konkrete Streikparolen verbreitet wurden.

Daß eine für alle Tarifgruppen einheitliche Teuerungszulage von monatlich 50 DM „bis zu einer allgemeinen Erhöhung der Stundenlöhne um 20 Pfennige“ gefordert werde, erfuhr man erst einen Tag später aus Flugblättern der „Betriebsgruppe Kassel der KPD“. Es handelte sich dabei offenbar um den Versuch, den Kasseler Arbeitern Hamburger Streikparolen zu suggerieren. Am Donnerstag erklärte auch der hessische Wirtschaftsminister Gotthard Franke nach Verhandlungen mit dem Betriebsrat, daß Ursachen und Ziele des Streiks völlig unklar geblieben seien. Die dreißigköpfige Streikleitung, mit der übrigens bis zuletzt niemand verhandelte, wies zwar in einer Verlautbarung den Vorwurf zurück, daß der Streik von kommunistischer Seite angezettelt worden sei. Tags darauf wurde jedoch eingeräumt, daß die Kommunisten möglicherweise „den Funken ausgelöst“ hätten – eine Erklärung, die mit den Beobachtungen der Henschel-Geschäftsleitung übereinstimmt: unter den Rädelsführern in der Mittelfelder Halle waren mehrere notorische Kommunisten. Der Streikausschuß-Vorsitzende Triller (kein Kommunist) meinte jedoch, es gebe jedenfalls keine politischen Gründe dafür, daß jener Funke in der zehntausendköpfigen Belegschaft so gründlich gezündet habe. Dafür seien vielmehr die „lohnpolitische Situation“ und das „schlechte Betriebsklima“ verantwortlich: Alte „Henschelaner“ fühlen sich als Empfänger von Zeitlöhnen gegenüber neuen und jüngeren Kräften zurückgesetzt, die im Akkord gut verdienen.

Das leichte betriebsklimatische Tief kam den Kommunisten sehr gelegen. Henschel baut Lokomotiven, und zwar überwiegend für den Export. 151 Loks im Werte von 25 Millionen Mark sollten für Indien montiert werden, als der Streik begann. Wäre dieser Auftrag nicht termingerecht ausgeführt worden, so hätte die dann fällige Konventionalstrafe die sehr geringe Gewinnspanne mehr als aufgezehrt und die Firma gezwungen, vom Vertrage zurückzutreten. Das hätte vielleicht für ein Drittel der Henschel-Belegschaft Entlassungen und Kurzarbeit im kommenden Winter bedeutet. Nur unter großen Opfern und Schwierigkeiten hat der im Kriege zu 85 v. H. zerstörte und durch den Eisernen Vorhang von weiten Absatzgebieten abgeriegelte Betrieb in den letzten Jahren seine alte Stellung zurückgewonnen. Die wirtschaftlichen Erfolge Henschels, die nicht zuletzt durch den raschen Aufbau der Kraftwagenproduktion errungen wurden, sind von entscheidender Bedeutung für den Kasseler Arbeitsmarkt, der stets von den Notständen des Zonenrandgürtels bedroht ist.

Ein weiterer, recht interessanter Gesichtspunkt ist vielleicht nicht einmal den Kasseler KP-Funktionären zum Bewußtsein gekommen, gewiß aber ihren Auftraggebern: die Sowjetunion und ihre Satelliten sind nicht ganz uninteressiert daran, ob Henschel Lokomotiven in den Nahen Osten exportiert oder nicht. Es ist noch nicht allzulange her, daß bei der Ausschreibung eines orientalischen Staates die in den westlichen Betrieben (einschließlich der deutschen) fabrizierten Lokomotiven von den ungarischen Loks in der letzten Minute überrundet wurden. Dahinter standen ganz eindeutig russische Weisungen, vielleicht auch russische Subventionen. Hinter dem Eisernen Vorhang rüstet man sich zu einem Dumping‚ dessen Schauplatz in erster Linie – die Märkte des Mittleren Ostens und dessen Waffen unter anderem auch Lokomotiven sein werden.

Die Gewinnspannen im Exportgeschäft sind gering, und sie würden bei einem östlichen Dumping noch geringer. Die Henschelwerke zwischen einer schwierigen Kalkulation, kurzen Lieferfristen und wilden Lohnforderungen in die Zange zu nehmen, ist keine schlechte Idee – der Kommunisten. Ihr wilder Streik hätte für Henschels östliche Konkurrenten von großem Wert sein können.