Lissabon, Ende August

Als im Jahre 1949 gelegentlich des 16. Internationalen Kunsthistorischen Kongresses in Lissabon eine Anzahl Altarbilder und andere Gemälde der Flämischen Schule von Brügge und Antwerpen aus dem 15. und 16. Jahrhundert gezeigt wurden, erregte diese Sammlung von augenscheinlich wertvollen Malereien das größte Interesse der Kunsthistoriker und Kritiker. Alle diese auf Holz gemalten Bilder waren von dem portugiesischen Kunsthistoriker Dr. Manuel Cayolla Zagallo nach und nach bei verschiedenen Besuchen der Insel Madeira entdeckt und als Kunstwerke von Rang erkannt worden. Manche hatte er, völlig vergessen, in den Kirchen abgelegener kleiner Ortschaften gefunden, aber alle befanden sich in mehr oder weniger vernachlässigtem Zustand, mit Schmutz bedeckt, von Feuchtigkeit angegriffen, gespalten, beschädigt oder übermalt. Von verschiedenen dreiteiligen Altarbildern fehlte entweder das Mittelteil oder einer oder beide Seitenflügel. Sie konnten jedoch als authentische Werke der Flämischen Schule klassifiziert werden. Aus bestimmten Merkmalen, wie etwa aus den Namen der darauf porträtierten Stifter, war es auch möglich, festzustellen, daß einige von ihnen an Ort und Stelle, wahrscheinlich sogar von portugiesischen Künstlern, im Stil und Geist der Flämischen Schule gemalt worden waren. Zwei der Altarbilder würden einwandfrei als Werke von Gerard David und eins als von Jean Provost identifiziert.

Wenn es auch auf den ersten Blick erstaunlich schien, daß man auf einer Insel im Atlantischen Ozean eine so ansehnliche Gruppe alter Bilder aus der Blütezeit der Flämischen Schule finden sollte, so wurde das Rätsel doch schnell gelöst. Die unbewohnte gebirgige Insel Madeira wurde von den Portugiesen im Jahre 1419 entdeckt Da sie völlig mit Wald bedeckt war, erhielt sie den Namen Ilha de Madeira, die Holzinsel, und um Platz für Pflanzungen zu schaffen, schien es das Einfachste, die gewaltigen Baumbestände, die bis ans Meeresufer reichten, in Brand zu setzen. Die unerwartete Ausdehnung und Gewalt des Feuers aber zwang die Portugiesen, sich mit ihren Frauen und Kindern ins Wasser zu flüchten, wo sie zwei Tage und Nächte bis zum Hals im Wasser zu warten hatten, ehe es möglich war, das Land wieder zu betreten.

Der Boden erwies sich als außerordentlich fruchtbar. Wasser strömte im Überfluß von den Bergen, und das wunderbar temperierte Klima der Insel, die auf der Höhe von Bagdad liegt, versprach reiche Ernten. Weine aus Portugal, Kreta und Griechenland wurden angebaut und gewannen auf Madeira mit den Jahren ihr eigenes, weltbekanntes Aroma. In den feucht-warmen Tälern konnte Zuckerrohr angebaut werden. Die Nachricht von dem neuen Paradies im Atlantischen Ozean lockte viele Portugiesen an, und bald war die arbeitsame Bevölkerung imstande, den Überfluß an ihren überall geschätzten Produkten zu verkaufen.

Die Händler von Madeira kamen auch nach Antwerpen und Brügge, wo namentlich die Madeiraweine sehr beliebt waren. Sie machten gute Geschäfte und – überrascht von den herrlichen Bildern, die sie dort sahen – opferten einen Teil ihres beträchtlichen Verdienstes, um ein dreiteiliges Altarbild oder ein anderes Gemälde für ihre Kirche in der Heimat zu kaufen. Auf diesem Wege kam eine erhebliche Anzahl guter und zum Teil hervorragender Kunstwerke nach Madeira und blieb dort in den Kirchen meist kleiner Ortschaften, wo die Bilder im Laufe der Zeit aus reiner Nachlässigkeit und Unwissenheit vergessen wurden und verdarben. Manchmal war das Format nicht das richtige für den betreffenden Altar. Dann wurde kurzerhand ein Stück abgeschnitten. Oder das Bild gefiel dem Pfarrer oder der Gemeinde nicht so recht. Dann wurde jemand, der den Pinsel zu führen verstand, beauftragt, ein anderes Bild über das erste zu malen.

Das große Aufsehen, das die Bilder bei ihrer Entdeckung erregten, veranlaßte den Direktor des Museums für Alte Kunst in Lissabon, Dr. Joao Couto, sie restaurieren zu lassen. Die Arbeit der Säuberung und Wiederherstellung unter der sachverständigen Leitung von Professor Fernando Mardel nahm sechs Jahre in Anspruch. Überraschende Schönheit kam unter dem Schmutz hervor, den vier Jahrhunderte auf den Farben der flämischen Meister abgelagert hatten, oder trat hinter der Übermalung zutage.

Nach der Restaurierung war es möglich, die Gemälde wieder so zu sehen, wie sie vor 400 Jahren aussahen, als die portugiesischen Handelsleute sie nach Madeira brachten. Sie zeigen unverkennbar die Eigenart und Größe des flämischen Stils in seinen charakteristischen Merkmalen. Es ist kein Wunder, daß portugiesische Künstler von diesen Werken fasziniert wurden und daß sie den Bahnen der Flämischen Schule folgten.